Ralph Mollerick (USA) über seine Kindheit, seine Religion und deutsche Tugenden

„Ich bin ein Wolfhager“

Zurück in der Heimat: Ralph Mollerick besucht zum achten Mal seit 1993 seine Geburtsstadt, die er als siebenjähriger jüdischer Junge 1937 verlassen musste. Foto:  Ludger Verst

Wolfhagen. Die Stiefelschritte der Gestapo hat Ralph Mollerick noch im Ohr, und er wird sie wohl nie vergessen. Aber der inzwischen 81-jährige Jude aus Florida (USA) liebt Deutschland und seine Geburtsstadt Wolfhagen. Zum achten Mal seit 1993 ist er wieder zurück - mit seiner Frau Phyllis und seinem Sohn Glen.

Herr Möllerick, Sie hatten am Freitag Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!

Ralph Mollerick: Danke. Ich freue mich, in meiner Geburtsstadt zu sein. Zweihundert Meter von hier, in der Schützeberger Straße 37, stand meine Wiege.

Klingt zunächst ganz nach einer schönen Kindheit.

Mollerick: Ja, die gab es anfangs auch. Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Dreirad die Straßen rauf und runter gerast bin. Später dann in der Schule musste ich zur Strafe in der Ecke stehen, weil ich Jude war. Ich habe das nicht verstanden. Dann hatte ich einen Privatlehrer.

Sie hatten Glück, sich als Siebenjähriger mit ihrer Familie gerade noch vor den Nazis in Sicherheit zu bringen.

Mollerick: Einen Tag bevor die Nazis unser Haus verwüsteten, verschwanden wir über Nacht nach Hamburg. Von dort ging es ein Jahr später ohne meine Eltern nach England, wo ich - dann auch von meiner Schwester getrennt - zunächst in einem jüdischen Jungenheim untergebracht war.

In England lebten Sie eine Zeit lang in einer christlichen Familie. Wieso das?

Mollerick: Jüdische Familien, aus welchem Grund auch immer, zeigten wenig Interesse, deutsche Kinder aufzunehmen. Aber diese Familie war sehr tolerant. Sie ließ mich am Sabbat in die Synagoge gehen, und ich begleitete sie am Sonntag in den christlichen Gottesdienst.

Eine Art Völkerverständigung durch Religion?

Mollerick: Ja. Ich habe erlebt, dass Juden und Christen friedlich miteinander umgehen können. Heute weiß ich: Wir haben unterschiedliche Gotteshäuser, wir haben unterschiedliche Bräuche, aber wir verehren alle denselben Gott.

Aber die Deutschen, die Juden verfolgt haben, waren Christen?

Mollerick: Ja, die Angst sitzt tief. Als ich das erste Mal wieder in Deutschland war, hab ich hinter jeder Ecke die Gestapo vermutet und bin durch enge Straßen gegangen, damit ich nicht gesehen werde. Inzwischen fühle ich mich wieder sicher und frei.

Gibt es nach einer derartigen Leidensgeschichte überhaupt noch eine unbelastete deutsche Identität bei Ihnen?

Mollerick: Oh, ja (schmunzelt). Meine Frau muss sich seit Jahrzehnten mit meiner Pünktlichkeit auseinandersetzen, andere mit meinem Perfektionismus. Gut, als Ingenieur war ich immer auf technische Präzision fokussiert. Aber ich bin auch ein Romantiker. Das empfinde ich übrigens als typisch deutsch. Ich bin ein Perfektionist mit einem romantischen Herzen.

Und wie halten Sie’s mit der Religion?

Mollerick: Ich bin - im Unterschied zu meiner Schwester Edith - meiner Religion treu geblieben. Ich habe mich über die Jahre von einem eher konservativen zu einem Reformjuden entwickelt. Ich halte die Zehn Gebote, das Gebot der Nächstenliebe, gehe am Freitagabend zur Feier des Sabbats in die Synagoge. Das gehört zu meinem Leben. In Lake Worth in Florida, wo wir wohnen, gibt es über 60 Prozent Juden unter den Einwohnern. Da ist Jude sein nichts Auffälliges.

Herr Mollerick, Sie waren 33 Jahre bei der NASA, Sie sind im Herzen Jude und Romantiker; was führt Sie zum achten Mal nach Wolfhagen?

Mollerick: Ich lebe fast auf den Tag genau 65 Jahre in Amerika, Aber meine Wurzeln liegen hier in dieser Stadt. Deshalb bin ich hier. Ich bin ein Wolfhager.

Von Ludger Verst

Quelle: HNA

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