Mirjam Honig (90) zu Gast in Treysa:

Vertriebene Jüdin kehrt nach fast 80 Jahren in die Schwalm zurück  

Treysa. Die Familie von Mirjam Honig wurde von den Nazis vertrieben. Die Angehörigen flüchteten in die USA, nach Israel und in die Niederlande. Jetzt kehrte  die 90-Järhige zurück in die Schwalm. Um über die Leiden der NS-Zeit und ihre Flucht zu erzählen.

Es geht nicht um den Glauben, es geht um das Herz - das bekam Mirjam Honig (90) von ihren Eltern mit auf den Weg. Ihre Mutter Berta Baum stammt aus Treysa, wuchs in der Steingasse 37 auf. Bis Mitte der 1930er-Jahre betrieb die jüdische Familie dort ein Geschäft.

Aufgewachsen ist Honig in Kempen im Rheinland. Da kam der Vater - ein Richter und Rechtsanwalt - her. Ihre „Schwalm-Ferien“ verbrachte die junge Mirjam stets in Treysa: bei der Oma, den Tanten, den Brüdern ihrer Mutter - bis 1935. „Ich fuhr mit Onkel Leo im Beiwagen mit, wenn er die gereinigten Betten auslieferte.“

Auch erinnere sie sich, dass es mit der Wäsche zum Spülen und Bleichen runter an die Schwalm ging. Ziegenhain sei ihr damals „wie das Ende der Welt“ vorgekommen. Gerade zehn Jahre alt war Mirjam, als Hitler an die Macht kam. Als junges Mädchen erinnere sie sich, dass sie nachts von einem Klirren erwachte und dachte, es seien für die Zeit üblichen tanzenden Bären. „Meine Tante holte mich vom Fenster weg. Es waren angekettete Juden, die durch die Straße gepeitscht wurden.“

Feriengast: Mirjam (Zweite von rechts) verbrachte die Sommer bei der Verwandtschaft in Treysa.

Auch für die Familie Baum wurde es brenzlig. Onkel Leo, ein Arzt, flüchtete in die USA und holte seine Geschwister nach. Mirjam Baum floh mit den Eltern und der Schwester in die Niederlande. „Mein Vater half anderen Juden, irgendwo unter zu kommen“, erzählt sie. Arbeiten durfte der Vater nicht:

„Wir verkauften unseren Hausrat, mein Vater später Krawatten - damit wir ein Einkommen hatten.“ Mirjam war die erste der Familie, die 1942 untertauchen musste: „Ich stand auf der Liste der holländischen Polizei“, erklärt sie.

 Von September 1942 bis November 1944 durchlebte die junge Frau eine Odysee: Wie viele Menschen ihr Unterschlupf gewährten, weiß sie nicht mehr. „Ich war jung, ich wollte weiter leben - da war der Rest egal.“ Sie habe das Glück gehabt, hilfreiche Menschen zu treffen.

Eine Niederländerin gab ihr den eignen Pass. „Wäre die Geschichte aufgeflogen, hätte das den sichere Weg ins KZ bedeutet“, sagt Honig. Ihre Geschichte erzählt sie bis heute vor allem jungen Leuten: „Es geht nicht um den Glauben, es geht um das Herz - würde man das bedenken, dann sähe die Welt anders aus.“

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare