Eine Ära geht zu Ende

Im Gasthaus Steinbrecher in Obergrenzebach wurde das letzte Bier gezapft

Doris Geisel sitzt in dem Gasthaus Steinbrecher, das jetzt schließt.
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Schon mit 14 arbeitete Doris Geisel im elterlichen Gasthaus mit, später übernahm sie den Betrieb, immer unterstützt durch die Familie.

Zum letzten Mal schloss Doris Geisel die Tür des Wirtshauses in Obergrenzebach hinter sich ab. Sie geht in den verdienten Ruhestand. Für das Gasthaus werden neue Pächter gesucht.

Obergrenzebach – Mit einem lachenden und einem weinenden Auge bewirtete Doris Geisel (61), geborene Steinbrecher, in ihrem Obergrenzebächer Traditionsgasthaus am Freitag zum letzten Male ihre Stammgäste. „Die Bierleitung muss sauber und die restlichen Schnapsflaschen müssen geleert werden,“ schmunzelt die Wirtin.

Das Gasthaus blickt auf eine über 100-jährige Geschichte zurück. Damals gegründet von Wilhelm Krebs, einem Großonkel, übernahm ihr Vater Johannes Steinbrecher 1958 die Wirtschaft. 1969 wurde durch eine Brandstiftung das alte Fachwerkhaus bis auf die Grundmauern vernichtet. Ihre Eltern Emma und Johannes Steinbrecher errichteten das Gebäude in seinem jetzigen Erscheinungsbild als Wohn- und Gasthaus komplett neu.

Schmucker Fachwerkbau: Das Gasthaus Steinbrecher in Obergrenzebach vor dem Brand im Jahre 1969.

Ab dem 14. Lebensjahr half Doris Geisel im elterlichen Betrieb aus. Als Tochter einer Gastwirtsfamilie hatte sie schon früh ihre Leidenschaft für die Küche entdeckt und strebte eine Ausbildung zur Köchin an. Auf Wunsch des Vaters lernte sie zwar zunächst den Beruf der Kauffrau im Lebensmitteleinzelhandel, kehrte aber sehr schnell wieder an Herd und Zapfhahn in die elterliche Gastwirtschaft zurück. Bis heute lieben die Gäste ihre regionale Küche mit frisch zubereiteten Produkten.

In den Anfangsjahren fanden Tanzabende, Karnevalsveranstaltungen und Feierlichkeiten jeder Art in den Räumen des Gasthauses Steinbrecher statt. Auch die Kegelbahn fand reichlich Zuspruch. Ihr Vater – ein Vollblutgastwirt – richtete große Zeltkirmessen aus.

1986 übernahm Doris Geisel den Landgasthof in Eigenverantwortung, weiterhin tatkräftig unterstützt von ihrem Vater. Im Jahr 2010 trafen sie zwei Schicksalsschläge: Ihr Mann Heinz und ihr Vater Johannes starben kurz hintereinander. Beider Tod hinterließ eine große Lücke.

Unterstützung fand sie danach durch ihren neuen Lebensgefährten Jörg Schroeder und ihre schon erwachsenen Kindern. Auch ihre fast 80-jährige Tante Martha Merle half bis zum letzten Tag hinter der Theke. „Meine treuen Seelen Jutta Becker als unentbehrliche Bedienung und die Reinigungskraft Vera Wollenberg standen mir auch immer zur Seite“, betont Doris Geisel.

Wirtshaus in Obergrenzebach schließt nach über 100 Jahren

Als Wirtin diente sie vielen Gästen mit deren Sorgen als Zuhörerin und Beraterin. „Alles, was mir anvertraut wurde, behielt ich für mich und nahm das nicht selten nach Feierabend noch mit in meine private Umgebung“, erzählt sie. In den vergangenen Jahren hatte sich auch in Obergrenzebach die Wirtshauskultur geändert. Stammtische gab es nur noch wenige. Dafür lockte an Wochenenden die Bundesliga Fußballbegeisterte ins Lokal und sonntags trafen sich Männer- und Frauenrunden zum Essen, Trinken und „Schnuddeln“.

Bis vor einigen Monaten wurden Familienfeiern ausgerichtet und ihre Stammgäste kamen zum Feierabendbier. Bedingt durch die Corona-Pandemie konnte die Gastwirtschaft zwar zunächst Ende Mai wieder geöffnet werde. Doris Geisel hatte aber schon länger überlegt, nach fast 50 Jahren Arbeit in den Ruhestand zu gehen. Der Gebäudekomplex wurde verkauft und jetzt zu Wohnungen umgewandelt. Für die Gastwirtschaft wird noch ein Nachfolger gesucht. Gasträume und Küche sind erst vor zwei Jahren komplett renoviert worden. Ein neuer Pächter könnte sofort starten.

Mit einem Anflug von Wehmut, aber wohl auch Vorfreude auf einen jetzt gänzlich selbstbestimmten Alltag, schloss Doris Geisel am Freitag letztmals hinter ihren Gästen die Wirtshaustür. (Ute-Anemone Lorenz)

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