Er liebte das Leben bis zum Ende

Im März starb er im Alter von 59 Jahren - Ein Nachruf auf Jürgen "Itze" Itzenhäußer

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Typisch: Porträt von einer Reise an den Bodensee etwa 2012.

Schwalmstadt. Es war eine große Beerdigung, denn „Itze“ kannte eigentlich jeder. Itze, den Stürmer, Itze, den Fotografen, Itze, den Menschen, den irgendwie nichts aus der Ruhe bringen konnte.

Itze wusste, dass er nicht sehr alt werden würde. Sein 60. Geburtstag wäre am 16. Juni gewesen. Hans-Jürgen Itzenhäußer kam 1958 in Schwarzenborn zur Welt. Die Mutter trennte sich, bei ihr wuchs er in Treysa auf. Zusammen sein mit Freunden, das war für ihn Leben schon als Fünftklässler, erzählt Thomas Gimpel. Sie waren zusammen im Schwalmgymnasium, die Kreiszeltlager jener Jahre wurden zu den schönsten Erinnerungen der beiden.

Nach dem Abi 1977 leistete Itze Zivildienst bei den Rot-Kreuz-Rettungssanitätern in Ziegenhain, anschließend Umzug in die Kasseler Studenten-WG in der Goethestraße 34. Rudolf vom Hofe war dabei, später Thomas Gimpel und noch weitere. Sport und Englisch auf Lehramt. Itze musste jobben neben der Uni, fand eine Stelle in einem Kasseler Fotolabor. Viel später tat es ihm ein bisschen leid, dass das Studium irgendwann versandet war. Eigentlich wäre er gern Lehrer geworden.

Jedes Wochenende ging es damals nach Hause in die Schwalm, Fußballspielen mit dem ESV Jahn. Mit Kassel war er nie richtig warm geworden. Nach ein paar Jahren wollte Itze ganz heim in die Schwalm.

Nach einer Ausbildung in einem Marburger Fotostudio eröffnete er sein eigenes Geschäft in der Herbstgasse in Treysa. Filme, Fotos, Entwicklung gab es, aber auch Lakritzkatzen, Kaffee und Rotwein. Vor „Itzes Fotostube“ stand eine gemütliche Sitzgruppe, gegenüber war das Kunsthaus von Delia Henss und Biele Emmenberger.

In seiner Fotostube am Marktplatz: So kannten alle den Donald-Duck-Fan Jürgen Itzenhäußer alias Itze, bis die Digitalfotografie den Markt umkrempelte. Das Foto ist nicht datiert.  

Mit Kunst und Musik hatte Itze irgendwie immer zu tun. Eine riesige CD-Sammlung trug er zusammen. Er unterstützte lokale Bands. Immerhin 25 Jahre war Itze selbstständig, der zweite Laden war am Marktplatz. Tagsüber traf man sich in Itzes Fotostube, abends im Markteck.

Das ging es ihm schon lange nicht gut. Ein schweres Blutdruckleiden hatte ihn mit Anfang 30 zum Dialysepatienten gemacht, beide Nieren waren entfernt worden. Die Krankheit war wohl genetisch veranlagt.

Acht Jahre dauerte es, bis er die erste Transplantation bekam. Aber das Pech war Itze, der nie bereit war seine Lebensfreude zu opfern, dicht auf den Fersen. Das Organ funktionierte nicht, nach wenigen Wochen musste es wieder entnommen werden.

Bei der zweiten Transplantation einige Jahre später befiel ein Krankenhauskeim die Operationswunde. Diese Niere musste nach ein paar Monaten wieder raus. Wieder Pech. Glück war, dass eine vergessene, im Körper vagabundierende Infusionsnadel entdeckt wurde, bevor sie zum Tod geführt hätte.

Freunde sprangen immer im Geschäft ein, wenn Itze in der Klinik war, zum Schluss gab es auch bezahlte Aushilfen. Als ihn im Urlaub am Gardasee die Nachricht erreichte, dass Organ Nummer drei eingepflanzt werden sollte, wollte er nicht. An die ständige Blutwäsche hatte er sich gewöhnt, die Aussicht, wieder die harten Medikamente gegen die Abstoßung des fremden Organs nehmen zu müssen, schreckte ihn. Doch 2008, dem Jahr der Heirat mit Eva Melbert, wurde die dritte Transplantation vorgenommen – und alles war gut eine Zeit lang. „Endlich konnten wir zum Beispiel unbeschwert wegfahren“, erinnert sich seine Frau.

Es ging ein paar Jahre gut. Die vierte Niere wurde 2015 transplantiert, aber schon zwölf Monate später musste er wieder an die Dialyse. 2017 dann fast durchgängig Klinikaufenthalte. Zehen begannen abzusterben, Wasser sammelte sich in der Lunge. Monatelange Antibiose, Itze verlor 30 Kilo. Die Wunden am Fuß heilten nicht mehr.

Die Niere musste raus. Nach fast 30 Jahren Leidenszeit ging es mit der Kraft zu Ende. „Dialyse, das war immer normal gewesen. ,Damit kann ich leben‘, hat er gesagt. Er ist irgendwie immer zuversichtlich geblieben. Und die Dialyse hat ihm ja auch Jahrzehnte geschenkt“, sagt Eva Melbert.

Gestorben ist Itze am 11. März im Klinikum Göttingen. Viele, viele alte Freunde standen am Grab auf dem Rommershäuser Friedhof. Lauter Liebes und Schönes stand auf den Trauerkarten. „Dass er so friedfertig war, das war vielleicht sein Problem“, sinnt Thomas Gimpel. Itze ließ es gut sein, ob es okay war oder nicht. Klaus Hottmann formuliert es so: „Womöglich war er zu gutmütig für die Welt.“

Quelle: HNA

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