"Es war ja immer gut gegangen": Ein Geprellter der Spargemeinschaft berichtet

Ein Mitglied der Melsunger Kneipenspar-Gemeinschaft

Melsungen. Kneipengäste in Melsungen hatten im Lauf des vorigen Jahres insgesamt 35.000 Euro in die Sparboxen einer Gaststätte geworfen. Nun ist das Geld weg, die Polizei ermittelt gegen den Wirt. Wir sprachen mit einem Mitglied der Spargemeinschaft, das nicht namentlich genannt werden will.

Auch Sie hatten regelmäßig Geld ins Sparfach der Gaststätte geworfen. Wieviel war das im vergangenen Jahr?

Sparer: Das waren etwa 450 Euro - leider. Im Jahr zuvor hatte ich 260 Euro rausbekommen. Diesmal wollte ich ein bisschen mehr zurücklegen, zu Weihnachten für die Enkel.

Welche Regeln galten bei Ihrer Spargemeinschaft, und wie war das organisiert?

Sparer: Jeder musste alle zwei Wochen mindestens fünf Euro in sein Sparfach werfen. Viele haben mitgemacht, damit zum Jahresende ein gewisser Betrag zusammenkam. Die Box wurde jeden zweiten Dienstag geleert, das haben zwei Leute aus unserer Runde organisiert. Sie trugen die jeweiligen Beträge in Listen ein und übergaben das Geld dann dem Wirt. Der hat das am nächsten Tag bei der Bank eingezahlt.

Warum haben die Sparer keine eigene Vertrauensperson benannt, sondern sich voll auf den Kneipeninhaber verlassen?

Sparer: Da bin ich überfragt. Ich selbst war erst seit drei oder vier Jahren dabei, aber die ganzen Jahre vorher gab es ja wohl keine Probleme. Früher war ich in einer anderen Gaststätte zehn Jahre lang mal selbst für das Kneipensparen zuständig gewesen. In diesem Lokal hatte der Wirt damit gar nichts zu tun.

Man könnte ja sein Geld auch einfach daheim in ein Sparschwein werfen - warum spart man in der Gaststätte?

Sparer: Vielleicht, weil dort ein gewisses Muss dahinter steht. Zu Hause kann man sich immer sagen: Wenn nicht heute, dann eben nächste Woche. Außerdem ist auch Spaß dabei, wenn man sich gegenseitig motiviert und sich von den Erträgen gemeinsam etwas gönnt.

Der Wirt zeigte immer brav die Einzahlungsbelege vor. Was er möglicherweise abhob, wurde offenbar nicht kontrolliert. Lädt ein solches System nicht geradezu zur Untreue ein?

Sparer: Eigentlich schon. Aber es war ja immer gut gegangen. (asz)

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion