50 Jahre 68-er Bewegung

In Marburg wurde die linke Studentenschaft vor allem durch Prof. Abendroth geprägt

Spricht im Foyer des Auditorium Maximum der Marburger Universität zu Studenten, nachdem sie einen 48-stündigen Hungerstreik gegen die Notstandsgesetze beendet hatten: Der linke Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth im Mai 1968. Foto: Rehm/dpa

Marburg. Vor 50 Jahren rebellierten nicht nur hierzulande Tausende Studenten gegen ein System, das sie für verklemmt, verkrustet und reaktionär hielten. 

Obwohl in Hessen immer Frankfurt das Zentrum der als „68er“ zusammengefassten Studentenproteste war, wird auch die beschauliche Universitätsstadt Marburg häufig mit den großen Zentren der Auseinandersetzung in einem Atemzug genannt. Doch warum eigentlich? Der Versuch einer Einordnung Marburgs in die Historie der 68er-Bewegung.

Denkt man an Marburg während der Zeit der Studentenunruhen, fällt häufig ein Name: Wolfgang Abendroth. Bereits seit den 1950er-Jahren etablierte sich um den marxistischen Politik- und Rechtswissenschaftler ein Kreis von Schülern, zu denen auch der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas gehörte, der seinen damaligen geistigen Ziehvater mal als „Partisanenprofessor im Land der Mitläufer“ umschrieb. Die eigenen politischen Erfahrungen in der Arbeiterbewegung und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus prägten die Themenwahl Abendroths für Lehre und Forschung.

Dennoch seien die Positionen linker Professoren damals stets eine Minderheit gewesen. Auch noch nach 1968 hätten in vielen Teilen nationalsozialistisch geprägte Professoren die Hochschule dominiert, erinnerte sich der Politikwissenschaftler und Abendroth-Schüler Georg Fülberth auf einer Podiumsdiskussion.

Die Marburger Linke sei ihrem charismatischen Professor stets eng verbunden gewesen, meint Fülberth und machte so einen der wesentlichen Unterschiede zwischen Marburg und den übrigen Protest-Hochburgen deutlich: Die Orientierung Abendroths am traditionellen Marxismus habe dazu geführt, dass dessen Studenten nicht mit ihrem Lehrer brachen, wie an vielen anderen Universitäten, wo sich anti-autoritär geprägte linke Studenten Auseinandersetzungen mit den aus ihrer Sicht zu dogmatischen Lehrenden lieferten.

Hungerstreik: Etwa 100 Studenten protestierten in Marburg so gegen die Notstandsgesetze. Foto: Rehm/dpa

Widerstand gab es in Marburg allerdings auch, zum Beispiel gegen das „Marburger Manifest“. 35 Marburger Professoren brachten im Marburger Manifest in sechs Abschnitten ihre ernsten Bedenken gegen die Demokratisierung der Hochschule zum Ausdruck. Statistisch gesehen handelte es sich hierbei überwiegend um männliche Hochschullehrer, die Anfang des 20. Jahrhunderts geboren waren und durch eine preußische Erziehung sowie die Erfahrung der Weimarer Zeit und der Zeit des Nationalsozialismus geprägt wurden.

Die Demonstrationen für mehr Mitbestimmung der Studenten verliefen in Marburg friedlich ab. Es war wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1968, als die Konfrontation zwischen Studenten und Professoren dann aber doch etwas aus dem Ruder lief. Was sich dort abspielte, ging später als „Schlacht auf den Lahnbergen“ in die Geschichtsbücher ein. In dem damals gerade neu errichteten Staatsbauamt tagte der Kleine Senat der Philipps-Universität. Konkret ging es um die Einführung von Studienbeschränkungen (Numerus Clausus). Gut 500 Studenten versammelten sich am gleichen Tag in einem Hörsaal. Als bekannt wurde, dass der Kleine Senat seine Tagung still und heimlich räumlich verlegt hatte, wuchs der Frust der Studenten. Am Abend rollte plötzlich eine Autokarawane an. 300 Studierende stimmten zunächst Weihnachtslieder an. Der offizielle Studentenvertreter, der Asta-Vorsitzende Gerd Mangel, stellt den Ordinarien ein Ultimatum. Entweder die Veranstaltung wird abgeblasen oder es findet ein gewaltsames Eindringen statt. Diese schritten dann auch zur Tat, da der Senat zu keinerlei Zugeständnissen bereit war. Das Eindringen in den Bau misslang aber. Steine flogen, die Tür ging zu Bruch, Fensterscheiben im Wert von 30.000 Mark. Die Polizei antwortet mit Wasserwerfern.

Quellen: Stadtschrift „’68 Stichworte Marburg A bis Z“; www.wolfgangabendroth.org

Quelle: HNA

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