Menschen aus aller Welt trifft Daniel Hoffmann als Führer durch die Gedächtniskirche

Innehalten im Stadtgetöse

Hat einen ungewöhnlichen Studentenjob: Daniel Hoffmann aus Sebbeterode führt Besucher durch die Berliner Gedächtniskirche. Foto: privat

Sebbeterode/BERLIN. Einen auf den ersten Blick untypischen Studentenjob übt Daniel Hoffmann aus Sebbeterode in Berlin aus. Regelmäßig führt er Interessierte durch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die zentral am berühmten Kurfürstendamm liegt.

„Ich fand die Idee reizvoll, an einem interessanten Ort mit Menschen aus aller Welt zusammen zu kommen und gemeinsam über die Geschichte und den Glauben nachzudenken“, erzählt der Theologiestudent, der für einige Tage seine Eltern in Sebbeterode besucht.

Die Führung beginnt er in der ehemaligen Eingangshalle der nur noch als Ruine bestehenden ursprünglichen Kirche. „Zuerst erläutere ich die Geschichte der alten Kirche und ihre damalige Funktion zur Verherrlichung des Königs- und Kaisertums“, erläutert Hoffmann.

Empörte Briefe

Nach dem Zweiten Weltkrieg seien die Überreste der Kirche zu einem Symbol für die verheerenden Zerstörungen geworden, so der 24-jährige. 1957 hätten die Berliner sich in knapp 50 000 Leserbriefen empört gegen einen geplanten Abriss zur Wehr gesetzt. Der mit dem Neubau beauftragte Architekt Egon Eiermann änderte daraufhin sein Konzept und verwirklichte ein Ensemble aus neuer Kirche, Gemeindekapelle und neuem Glockenturm rund um die alte Ruine. „Die neue Kirche steht im Zentrum des zweiten Teils der Führung“, so der Theologiestudent. Die blauen Fenster des französischen Glaskünstlers Gabriel Loire aus Chartres bestehen aus Millionen kleiner Glasscherben. „Dass aus diesen Abermillionen Scherben eines französischen Künstlers etwas Neues in Deutschland entstand, ist für mich ein Symbol für die neue Freundschaft beider Länder“, meint der junge Mann.

„Die Stille im Kirchenraum und die bequemen Stühle laden ein, sich fallen zu lassen, Ruhe zu finden, inne zu halten“, berichtet Hoffmann. Der im Raum schwebende goldene Christus des Münchner Künstlers Karl Hemmeter irritiere die meisten Besucher, ist Daniel Hoffmann aufgefallen. Die Christusfigur sei einerseits als der Auferstandene dargestellt, trage andererseits jedoch mit seinen geschlossenen Augen, den eingefallenen Wangen und den heruntergezogenen Mundwinkel das Gesicht eines Toten. „Gerade für die Kriegsgeneration zeigt dieser Christus, dass trotz Tod und Zerstörung auch Platz für Hoffnung ist“, interpretiert der Theologiestudent.

„Zum Schluss gehe ich zur Madonna von Stalingrad von Kurt Reuber (1906 bis 1944). Die Geschichte ihrer Entstehung berührt viele Besucher. Der Pfarrer und Arzt hatte 1942 die Madonna als Weihnachtsgeschenk für seine Kameraden in Kohle gezeichnet, die im Kessel von Stalingrad jede Hoffnung auf Rettung bereits aufgegeben hatten“, erzählt Hoffmann. Er habe einen besonderen Bezug zu dem Bild, betont der angehende Theologe, da Reuber Nordhesse gewesen sei, er in der Malerkolonie Willingshausen seine Zeichenkunst erlernt habe und in Loshausen einen Teil seines Vikariats absolvierte.

Von Christiane Decker

Quelle: HNA

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