Interview: Archäologe über Beinhäuser und Spangenberger Fund

„Wir sollten die Toten nicht anglotzen“

Spangenberg. Archäologe Dr. Andreas Ströbl spricht im HNA-Interview über Beinhäuser und den Spangenberger Fund.

Er bezeichnet sich als „Mann der Särge“: Dr. Andreas Ströbl leitet die Forschungsstelle Gruft in Lübeck. Der Archäologe kennt Spangenberg: Vor 14 Jahren war er auf dem Friedhof und untersuchte das Mausoleumvon Kommerzienrat Georg Wilhelm Carl Salzmann, der in einer Gruft unter der Friedhofskapelle liegt.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie menschliche Gebeine sehen? 

Andreas Ströbl: Menschliche Überreste erzählen ganz viel vom Leben der Verstorbenen. Das hat aber nichts mit Grusel zu tun. In meiner Arbeit habe ich auch oft mit geplünderten Grabstätten zu tun. Uns geht es um die Erforschung und die Wiederherstellung der Würde des Verstorbenen. Wir wollen sie so behandeln wie wir selber behandelt werden möchten. Und wir wollen nach dem Tod doch auch nicht angeglotzt werden.

Was halten Sie davon, Gebeine öffentlich zugänglich zu machen? 

Ströbl: Ich verstehe das nicht - jeder weiß doch, wie Knochen aussehen. Und man sollte sich fragen, ob man das auch mit der Leiche der eigenen Mutter tun würde.

Und wenn es im würdigen Rahmen geschieht? 

Ströbl: Man sollte sich überlegen, ob man die Gebeine wirklich als bloße Anschauungsobjekte darstellen sollte. Wenn die Zurschaustellung im sakralen Kontext steht, ist die Sache neu zu überlegen. Denn dann hat es nichts mit Voyeurismus zu tun, sondern mit der Gemahnung an die eigene Vergänglichkeit.

Im Falle Spangenbergs wurden auf dem Kirchendachboden allein rund 250 menschliche Schädel gefunden. 

Ströbl: Wie man ja weiß, ist der Friedhof im 19. Jahrhundert umgestaltet worden. Dabei wurden die Knochen systematisch ausgegraben und dort oben gelagert. Das kann über die Jahrzehnte in Vergessenheit geraten sein.

Was schlagen Sie vor? 

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Ströbl: Wichtig wäre es, Archivrecherche zu betreiben und in Kirchenbüchern zu erforschen, warum die Knochen dort liegen. Gibt es Hinweise, ob es von Anfang an als Beinhaus auf dem Kirchendachboden geplant war? Dann könnte man die alte Tradition weiter fortsetzen. Man sollte jedoch tunlichst vermeiden, die Gebeine zum Grusel auszustellen. Stattdessen sollten sie erforscht werden.

War es früher üblich, Gebeine auf Kirchendächern zu lagern? 

Ströbl: Nein. Ich kenne aber in Ostdeutschland eine Kirche, wo bei einem Kirchenumbau Gebeine in einem Karton gefunden wurden. Eigentlich wurden die menschlichen Überreste der Verstorbenen in Beinhäusern gesammelt. Im katholischen, vor allem oberdeutschen Raum, sieht man noch häufig die kleinen Häuschen; das bekannteste Beispiel steht im österreichischen Hallstatt. Dort war es von Anfang als Beinhaus angelegt, und die Verstorbenen wussten, worauf sie sich einlassen: Sie sind Teil eines großen Memento mori, eines Totengedenkens.

Und wie erklären Sie sich den Spangenberger Fall? 

Ströbl: Im Falle Spangenbergs sollten die Gebeine wohl nicht im Müll landen und

Dr. Andreas Ströbl

wurden daher auf dem Dachboden gelagert. Das war aber wohl eher eine Verlegenheitslösung und nicht für die Ewigkeit gedacht, denn das hat nichts mit christlicher Bestattung zu tun. Beinhäuser gehören eigentlich auf Friedhöfe und nicht auf den Kirchendachboden.

Von Claudia Feser 

Zur Person: 

Dr. Andreas Ströbl (50) ist Archäologe und Kunsthistoriker. Er ist Mitglied der Forschungsstelle Gruft in Lübeck. Der Vater einer Tochter hat sich auf die Erforschung neuzeitlicher Bestattungskultur spezialisiert und bezeichnet sich selbst als „Mann der Särge“. Ströbl hat zum Thema „Entwicklung des Holzsarges von der Hochrennaisance bis zum Historismus im nordlichen und mittleren Deutschland“ promoviert. (ciß)

Quelle: HNA

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