Über Gesundheitspolitik und die Stromtrasse

Interview mit Bundestagsmitglied Dr. Edgar Franke: Ihm ist nicht alles Wurst

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Steht zu seiner Vorliebe für Herzhaftes: Der Bundestagsabgeordnete Dr. Edgar Franke mit einer Stracken

Schwalm-Eder. Mit Ahler Wurscht war Dr. Edgar Franke (SPD) im Bundestagswahlkampf auf Stimmenfang gegangen. Zu Terminen hatte er eine Stracke mitgebracht. Franke leitet inzwischen den Gesundheitsausschuss des Bundestages. Wir fragten nach seinem Verhältnis zur Ahlen Wurscht und zu Gesundheitsthemen.

Die medizinische Versorgung auf dem Lande, mögliche Gefahren durch die Stromtrasse Südlink und vegane Ernährung – der SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Edgar Franke deckt in seinem Ressort, der Gesundheitspolitik, ein breites Feld ab.

Herr Franke, für Ihren Wahlkampf mit Ahler Wurscht sind Sie im Magazin Der Spiegel verspottet worden. Bereuen Sie die Aktion?

Dr. Edgar Franke: Nein! Ich glaube auch nicht, dass das Spott war. Die Wurst war ein Synonym dafür, dass man lokal Wahlkampf machen kann. Im Spiegel wird natürlich etwas überspitzt.

Können Sie sich vorstellen, vegan zu leben?

Franke: Meine große Tochter ist Vegetarierin. Das muss reichen!

Und gibt das Kämpfe am Küchentisch?

Franke: Nein, aber beim Einkaufen und Kochen muss man da schon besonders mitdenken.

Aber auf Alte Wurscht zu verzichten, ist für Sie kein Thema?

Franke: Ich bin da kein Dogmatiker. Ich esse alles und gerne, aber man sollte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass man mehr Gemüse und Obst isst und sich mehr bewegt, was bei mir leider zu kurz kommt.

"Rolle der Hausärzte stärken"

Wie steht es um die medizinische Versorgung im Landkreis?

Franke: Da gibt es eine deutliche Diskrepanz zwischen Nord- und Südkreis. Der Nordkreis ist wirtschaftlich stärker. Das ist für Ärzte interessanter. Im Südkreis gibt es in kleinen Orten wie in Ottrau dagegen schon keinen Hausarzt mehr.

Was ist die Ursache, gibt es zu wenige Ärzte?

Franke: Bundesweit gibt es eigentlich genügend Ärzte, aber sie sind im Schnitt Ende 50. 70 Prozent der jungen Mediziner sind Frauen.

Junge Menschen erwarten andere Arbeitsbedingungen, weil sie auch eine Familie gründen und Kinder haben wollen. Da muss die Infrastruktur beispielsweise mit Kinderangeboten stimmen. Ein anderer Grund: Bundesweit haben im vergangenen nur 1000 Ärzte eine fünfjährige Weiterbildung zum Hausarzt gemacht.

Wie kann denn der Bedarf dann überhaupt gesichert werden?

Franke: Wir haben eine Fehlsteuerung. Die meisten Mediziner wollen Fachärzte werden. Außerdem wächst die Nachfrage nach Teilzeitstellen.

Wir haben bundesweit 150.000 Ärzte in der ambulanten Versorgung, das ist ein Allzeithoch. Und doch fehlen Ärzte auf dem Lande.

Das klingt dramatisch. Wie kann man gegensteuern?

Franke: Der Hausarztberuf muss aufgewertet werden. Es muss wieder eine hausarztzentrierte Versorgung geben.

Was bedeutet das?

Franke: Der Hausarzt muss wieder der Lotse im System sein, der die weitere Behandlung veranlasst. Auch die Zugangsbedingungen zum Medizinstudium sollten überprüft werden. Der Numerus clausus sollte nicht allein ausschlaggebend sein, sondern auch soziale Komponenten und Vorkenntnisse, etwa als Krankenschwestern und Rettungssanitäter.

Kann man die Versorgung auch im Landkreis unmittelbar beeinflussen?

Franke: In Schwarzenborn will die Stadt, eventuell zusammen mit Partner, eine Gesellschaft für ein medizinisches Versorgungszentrum gründen. Wir beschließen im Herbst, dass auch Kommunen Träger solcher Einrichtungen sein können.

Angestellte Ärzte

Dort könnten dann eben auch Ärztinnen in Teilzeit angestellt werden. Die Mediziner hätten kein wirtschaftliches Risiko. Auch eine Krankenpflegestation könnte angegliedert werden.

Spielt da die Kassenärztliche Vereinigung mit?

Franke: Bei der KV, die den Versorgungsauftrag hat, stößt das noch auf große Skepsis. Es besteht die Sorge, dass diese neue Form der Versorgung das Budget verringert.

Kommen alle diese Vorschläge nicht viel zu spät?

Franke: Ja, wahrscheinlich hätte man schon früher handeln müssen. Aber einige Verbesserungen gibt es auch schon, beispielsweise durch die Weiterbildungsverbünde für Hausärzte. Und die Residenzpflicht ist aufgehoben worden.

Sind die Verdienstmöglichkeiten für Ärzte ausreichend?

Franke: Ich glaube schon. Im bundesdeutschen Schnitt verdienen Ärzte 166 000 Euro nach Abzug der Praxiskosten. Die Ärzte im Schwalm-Eder-Kreis liegen allerdings im Schnitt ein wenig darunter.

Ich glaube, das Geld ist auch gar nicht der entscheidende Punkt. Wichtiger ist, dass wir den Hausarzt aufwerten und den veränderten Lebensentwürfen junger Mediziner gerecht werden.

Was kann auf Kreisebene getan werden, um die Versorgungssituation zu verbessern?

Franke: Der Kreis muss beispielsweise solche Entwicklungen wie in Schwarzenborn unterstützen und koordinieren. Es wäre gut, wenn wir hier sogar ein Modellprojekt hinbekommen würden.

Wie schätzen Sie die Situation in Krankenhäusern ein?

Franke: Krankenhäuser haben das Problem, dass sie mit den Fallpauschalen wirtschaften müssen. Das begünstigt eher große, spezialisierte Häuser. Im Koalitionsvertrag haben wir vereinbart, dass es Sicherstellungszuschläge für kleine Krankenhäuser gibt, um die Versorgung auf dem Lande zu erhalten.

Reicht das alleine aus?

Franke: Wir haben außerdem vereinbart, dass Krankenhäuser für die ambulante Versorgung geöffnet werden sollen. Viele Menschen gehen heute schon direkt zum Krankenhaus, wenn sie glauben, es handele sich um einen Notfall.

Dafür sind die Krankenhäuser natürlich nicht ausgelegt. Die müssten also auch ein Budget der Kassenärztlichen Vereinigung erhalten. Die ambulante und die stationäre Versorgung muss besser verzahnt werden.

Trasse muss sicher sein

Als Gesundheitspolitiker, können Sie verstehen, dass die Menschen Angst vor der geplanten Stromtrasse Südlink haben?

Franke:  Natürlich kann ich das verstehen, und man muss die Sorgen ernst nehmen. Der Netzbetreiber muss auch noch offenlegen, warum er gerade die Trasse durch den Schwalm-Eder-Kreis gewählt hat.

Sie halten aber daran fest, dass die Stromtrasse grundsätzlich gebraucht wird?

Franke: Strom aus Windkraft wird nun mal überwiegend in Norddeutschland erzeugt. Wenn das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld abgeschaltet werden soll, brauchen wir Strom für den Grundlastbereich. Wir brauchen also die Trasse. Die Frage ist nicht das Ob, sondern das Wie. Problematisch ist, dass die Mitwirkungsmöglichkeiten der Kommunen eingeschränkt sind.

Was fordern Sie?

Franke: Es müssen Mindestabstände von 400 Metern zu Wohngebieten eingehalten werden, so dass keine Gesundheitsbeeinträchtigungen zu befürchten sind.

Wie schätzen Sie die Informationspolitik der Firma Tennet ein?

Franke: Da ist ziemlich schlampig geplant worden. Man hätte die Trasse erst einmal sorgfältiger planen müssen, bevor man an die Öffentlichkeit geht.

Zur Person

Dr. Edgar Franke wurde 1960 als Sohn des Landrats und Landtagsabgeordneten August Franke geboren. Er wuchs in Edermünde-Haldorf auf, studierte Politik- und Rechtswissenschaft und promovierte im Kommunalrecht. Franke war Rektor und Professor an der Hochschule der Gesetzlichen Unfallversicherung in Bad Hersfeld und von 1999 bis 2009 Bürgermeister von Gudensberg, wo er mit seiner Frau und den beiden Töchtern auch lebt. Seit 2009 gehört Franke für die SPD dem Bundestag an.

Quelle: HNA

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