Forensische Entomologen grenzen Todeszeitpunkt ein

Interview nach Wolfhager Todesfall: Wie Insekten der Polizei helfen

Gläser mit Schmeißfliegen-Maden: Die forensische Entomologie, also die kriminalistische Insektenkunde, ist mittlerweile zur Routine bei Mordfallermittlungen geworden. Foto: dpa

Wolfhagen. Wann genau starb Peter Stephan G. in seiner Wolfhager Wohnung? Diese Frage muss jetzt ein Insektenkundler beantworten. Wie die sogenannten Entomologen den Insektenbefall am Leichnam analysieren und den Todeszeitpunkt bestimmen können, darüber haben wir mit einer Expertin gesprochen.

Nach Einschätzungen der Ermittler hat die Leiche bereits mehrere Wochen in der Wohnung gelegen. Wie die Experten in solchen Fällen zur Eingrenzung des genauen Zeitraums vorgehen, erläutert Dr. Senta Niederegger vom Universitätsklinikum Jena im HNA-Interview.

Welche Hinweise liefert die forensische Entomologie den Ermittlern?

Sandra Niederegger: Die Insektenkunde (Entomologie) gibt den Forschern Auskunft über die Liegezeit der Leiche. Zudem lassen sich mithilfe der Insekten Rückschlüsse über den Fundort der Leiche ziehen. Da die Insekten beim Fressen von Gewebeteilen Inhaltsstoffe aus dem Körper aufnehmen, können auch Medikamente, Drogen und Gifte im Körper nachgewiesen werden.

Welche Insekten besiedeln die Leiche?

Niederegger: Meist finden die Experten Schmeißfliegen. Davon gibt es verschiedene Arten. Aber auch Fleischfliegen und Buckelfliegen oder Käferarten zersetzen den Leichnam.

Woran erkennen die Insektenforscher, wo eine Leiche gelegen hat?

Niederegger: Es gibt Insekten, die nur in bestimmten Umgebungen vorkommen. So können die Entomologen herausfinden, ob ein Leichnam – abweichend vom Fundort – im Wasser, im Wald oder in einem Gebäude gelegen hat. Schmeißfliegen kommen fast überall vor, Käferlarven hingegen meist nur im Wald.

Und wie lässt sich der Todeszeitpunkt bestimmen?

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Niederegger: Bereits 15 Minuten nach dem Tod eines Lebewesens wird der Kadaver von Fliegen befallen. Haben die Fliegen noch keine Eier in den Leichnam gelegt und sind noch keine Maden vorhanden, liegt die Leiche erst kurze Zeit. Sind aus den Fliegeneiern bereits Maden geschlüpft, kann man davon ausgehen, dass die Leiche mindestens schon drei bis vier Tage liegt. Durch die Analyse der Länge und Größe der Maden können die Entomologen den Todeszeitpunkt genauer bestimmen – je größer die Maden, umso älter sind sie. Denn die Insekten fressen kontinuierlich. Auch die Temperatur am Fundort beeinflusst die Entwicklung der Insekten maßgeblich – je wärmer, desto schneller zersetzen sie den Körper.

Wie gehen die Insektenforscher bei ihrer Arbeit am Tatort vor?

Dr. Senta Niederegger (37) ist forensische Entomologin am Universitätsklinikum Jena. Die studierte Umweltwissenschaftlerin erstellt ebenfalls pathologische Gutachten für die Polizei.

Niederegger: Um möglichst präzise Rückschlüsse ziehen zu können, werden die Insekten noch am Fundort eingesammelt – in erster Linie Maden und Puppen mithilfe einer Pinzette, da sie am längsten die Leiche besiedelt haben. Die Tiere entwickeln sich kontinuierlich. Einige konservieren die Experten mit heißem Wasser und hochprozentigem Alkohol vor Ort. Im Labor werden die Tiere dann präpariert und unter dem Mikroskop untersucht. Ebenso werden einige lebende Maden entnommen. In einigen Fällen werden auch Fliegen mit Insektennetzen eingefangen und deren Entwicklungsstadien untersucht.

Wie lange dauert es, bis es erste Ergebnisse gibt?

Niederegger: Erste Rückschlüsse aus der Länge der Maden lassen sich mithilfe der Statistiken nach einigen Tagen ziehen. Auf genaue Ergebnisse warten die Entomologen bis zu drei Wochen.

Wie genau sind diese Berechnungen?

Niederegger: Ist die Leiche etwa eine Woche alt, lässt sich der Zeitpunkt des Todes bis auf wenige Stunden eingrenzen. Später kann das Datum des Todes immer noch auf einen Zeitraum von mehreren Tagen berechnet werden. Somit liefert die forensische Entomologie trotz der biologischen Variabilität wichtige, wissenschaftliche Anhaltspunkte bei der Aufklärung von Tötungsdelikten. (nsk)

Aus dem Archiv: Leiche in Wolfhagen gefunden

Quelle: HNA

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