Interview über Drogenkonsum: Putzmittel für den Kick

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Komasaufen hat Konjunktur: Silhouette eines Alkohol trinkenden Jugendlichen.

Felsberg. Zigaretten, Alkohol oder Tabletten gehören für einige Menschen zum Alltag. Anlässlich des Weltdrogentags am Dienstag haben wir mit der Felsberger Sozialpädagogin Heike Miedler über Drogenkonsum unter Jugendlichen im Melsunger Land gesprochen.

Frau Miedler, gibt es im Melsunger Land Jugendliche mit einem Drogenproblem?

Miedler: Ja. Die Jugendlichen sind heute zunehmend perspektivlos, auch im ländlichen Raum. Da wird dann das ein oder andere ausprobiert, auch Drogen. Und die gibt es hier ebenso wie in einer größeren Stadt.

Hat sich die Konsumentenzahl verändert?

Miedler: Nein, das nicht. Die Zahl derjenigen, die Drogen nehmen, ist relativ konstant. Allerdings gibt es Veränderungen beim Geschlecht: Mädchen stehen den Jungs in nichts mehr nach. Zudem werden die Jugendlichen, die Drogen nehmen, immer jünger. Ich kenne Zwölfjährige, die schon abhängig sind. Auch das Komasaufen nimmt zu. Alles wird heute viel exzessiver gemacht als früher.

Womit hängt das zusammen?

Miedler: Das hat politische und gesellschaftliche Gründe. Ich stelle fest, dass häufig Kinder aus gut situierten Familien in die Abhängigkeit geraten. Das hängt unter anderem mit dem Druck zusammen, dem die Kinder ausgesetzt sind: Sie sollen gute Schulnoten nach Hause bringen und sich im Sportverein engagieren. Da bleibt wenig Raum für Freizeit. Auch der Freundeskreis spielt eine große Rolle. Viele probieren es einfach mal aus, um ihre Grenzen zu testen. Die wenigsten bleiben dann aber tatsächlich an der Droge hängen.

Werden noch die gleichen Drogen genommen wie vor ein paar Jahren?

Miedler: Nein. Natürlich gibt es auch weiterhin die Klassiker wie Cannabis und LSD, ebenso wie Tabak. Die Zigarette ist noch immer die Einstiegsdroge Nummer eins. Was neuerdings hinzugekommen sind zum Beispiel Putzmittel, Badesalze und Kleber. Zudem gibt es Unmengen an synthetischen Drogen, die lebensgefährliche Wirkungen auf den Organismus haben.

Inwiefern?

Miedler: Die Folgen sind je nach Droge zu differenzieren. Nachweisbar ist, dass die chemischen Drogen dauerhaft Herz und Gehirn beschädigen. Zudem machen die neuen Designer-Drogen schneller abhängig. Anders als bei bekannten Drogen wie Heroin ist allerdings noch wenig über die Dosierung bekannt. Das kann ins Auge gehen: Durch die so genannten multitoxikologischen Drogen habe ich von mehr Todesopfern erfahren als von anderen Drogen.

Wie kann den abhängigen Jugendlichen geholfen werden?

Miedler: Mit Gesprächen. Das ist allerdings schwierig, denn die Betroffenen erkennen ihre Sucht nicht. Nicht sie haben ein Problem, sondern die Gesellschaft mit ihnen. Deshalb spreche ich auch mit den Eltern von jüngeren Abhängigen. Zudem werden die Jugendlichen häufig kriminell, um das Geld für die Drogen zu bekommen. Das ist für mich eine Chance: Werden sie bei einer Straftat erwischt, bekommen sie häufig Sozialstunden, die sie bei mir absolvieren können. Ich vermittele dann oft eine Therapie. Damit können sich die Jugendlichen mitunter Gefängnisstrafen ersparen. (cow)

Quelle: HNA

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