Interview zum Tag der Pressefreiheit: "Voraussetzung für alle anderen Menschenrechte"

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Setzen sich für die Pressefreiheit ein: Die Mitglieder von Reporter ohne Grenzen.

"Pressefreiheit schafft die Plattform dafür, dass Menschen selbstbestimmt leben können", sagt Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, im Interview, dass wir anlässlich des Tages der Pressefreiheit am 3. Mai mit ihm geführt haben.

Herr Mihr, Europa ist in der gerade erschienenen Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen deutlich abgerutscht. Ist nur die Türkei an diesem schlechten Abschneiden schuld? 

Christian Mihr: Nicht alleine Schuld, aber hauptverantwortlich. Hier hat ein heftiger Feldzug gegen unabhängigen Journalismus stattgefunden. Und die EU hat zugeschaut. Sie haben die Situation nicht ernst genommen. Aber auch in Malta, Tschechien und Ungarn wurde die Pressefreiheit mit Füßen getreten. Das zeigt, dass es in Europa nicht überall gefestigte Demokratien gibt.

Setzt sich die EU zu wenig für die Pressefreiheit ein? 

Mihr: Sie ist schon bei den Beitrittsverhandlungen uneindeutig. Das sieht man zurzeit gut an den Beispielen Türkei, Bulgarien oder Serbien. Die EU muss in ihrer Fortschritts- und Länderberichten eindeutiger werden und den ihr zur Verfügung stehenden Instrumentenkasten besser nutzen. Wer die Pressefreiheit verletzt, muss auch Sanktionen spüren.

Was bedeutet Pressefreiheit für Sie? 

Mihr: Sie ist die Voraussetzung für alle anderen Menschenrechte. Pressefreiheit schafft die Plattform dafür, dass Menschen selbstbestimmt leben können. Denn Kommunikation ist die Voraussetzung für ein Miteinander.

Wo beginnt die Beschneidung von Pressefreiheit? 

Mihr: Das beginnt bereits auf der strukturellen Ebene. Immer mehr Zeitungstitel verschwinden – auch in Deutschland. Das ist eine generelle Entwicklung. Die Vielfalt der Medien ist aber eine strukturelle Voraussetzung für einen unabhängigen Journalismus. Ein Problem ist auch die ökonomische Einflussnahme. In Eschwege oder Bad Hersfeld haben wir glücklicherweise noch klassische Medienhäuser, die nicht auch noch andere ökonomische Interessen vertreten.

Wie gelingt es Reporter Ohne Grenzen das Menschenrecht auf Pressefreiheit zu schützen? 

Mihr: Auf ganz vielfältige Weise. Wir setzen uns für unabhängige Informationen ein. Dabei können wir Druck auf Regierungen ausüben und juristisch gegen Regime vorgehen. So haben wir etwa die Regierung in Syrien verklagt, weil das syrische Regime gezielt Morde an Journalisten in Auftrag gegeben hat.

Schützen Sie auch die, die die Pressefreiheit umsetzen? 

Mihr: Ja, natürlich. Wir geben ganz praktische Hilfen, damit Journalisten ihre Arbeit machen können. Wir tragen Anwaltskosten, organisieren medizinische Hilfe, ersetzen zerstörte Ausrüstung und unterhalten ein weltweites Mitarbeiter-Netzwerk.

Auch in Deutschland? Wie ist es bei uns um die Pressefreiheit bestellt? 

Mihr: Wenn wir hier die Beschneidung der Pressefreiheit beklagen, ist das sicherlich ein Jammern auf hohem Niveau. In Mexiko würden Journalisten über die Probleme ihrer Kollegen in Deutschland nur müde lächeln. Aber auch hier gibt es Probleme. Die anlasslose Massenüberwachung von Journalisten durch den Bundesnachrichtendienst ist ein Problem. Dadurch wird der wichtige Quellenschutz verletzt. Und auch in Deutschland erleben Journalisten Gewalt und Drohungen.

Der Respekt vor unabhängigen Journalisten sinkt in Deutschland. Was sagen Sie denen, die auf der Straße „Lügenpresse“ skandieren? 

Mihr: Das sind Leute, die eigentlich unerreichbar erscheinen. Trotzdem muss man versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die sind dann oft ganz baff, wenn sie sehen, wie die Produktion von Nachrichten funktioniert.

Also sollten Medien mehr über ihre eigene Arbeit aufklären? 

Mihr: Ja. Die Unwissenheit ist oft ein Problem, das zu Missverständnissen führt. Es würde nicht schaden, wenn Journalisten sich und ihre Arbeit mehr erklären würden. Außerdem wünsche ich mir eine andere Fehlerkultur. Wenn man einen Fehler macht, sollte man selbstbewusst damit umgehen. Fehler sind menschlich und in den Redaktionen arbeiten Menschen. Das darf man nicht vergessen. Vielleicht sollten manche Journalisten aber von einem teils hohen Ross der vermeintlichen Unfehlbarkeit absteigen.

Ist der Aufstand gegen die Medien in den vergangenen Jahren ein temporärer Zustand? Legt sich die Kritik wieder? 

Mihr: Wahrscheinlich nicht. Aber das ist nicht negativ. Die Erfahrung hat gezeigt, dass in Demokratien das Misstrauen gegenüber der Presse größer ist, als in Diktaturen. Das liegt an der Medienvielfalt. Man hat eine größere Auswahl von Meinung. Das führt allerdings auch zu einer größeren Menge von Zweifeln. Misstrauen ist ein Ausdruck von Demokratie.

Welche Rolle spielen Soziale Netzwerke in der Demokratie? Schaden sie oder nutzen sie? 

Mihr: Da habe ich eine ambivalente Meinung: Soziale Netzwerke schaffen Freiheitsräume. In Ägypten ist Facebook beispielsweise besonders wichtig, weil es in dem Netzwerk keine Zensur gibt. Umso wichtiger ist es, Facebook demokratischen Regeln zu unterwerfen. Als Echokammer kann Facebook aber auch Meinungen verstärken. Das kann in Gewalt auf der Straße umschlagen. Was online begann, wird offline zu Ende gebracht.

Video: Was macht Reporter ohne Grenzen?

Welche Bedeutung haben Lokalzeitungen in der Medienlandschaft? 

Mihr: Wir haben eine große Vielfalt an unterschiedlichen Titeln. Diese Vielfalt ist unbedingt erhaltenswert. Und auch das Festhalten an reinen Medienhäusern begrüßen wir. Es ist ein Vorteil, dass in Deutschland kaum oligarchische Verquickungen bestehen. Schon in Frankreich sieht das anders aus. Da sind große Konzerne an Medienunternehmen beteiligt.

Wie sieht die Medienlandschaft in Deutschland in zehn Jahren aus? 

Mihr: Wenn sich die aktuelle Entwicklung fortsetzt, wird die Medienvielfalt geringer werden. Die Bedeutung von sozialen Medien wird zunehmen. Deutschland wird außerdem auch ein Zufluchtsort für geflüchtete Journalisten sein.

Was muss passieren, damit das hohe Gut der Pressefreiheit wieder mehr wertgeschätzt wird? 

Mihr: Journalisten sollten untereinander solidarischer sein. Der Fall des in der Türkei inhaftierten Kollegen Deniz Yücel hat sicherlich dazu beigetragen und in den Köpfen der Kollegen etwas verändert. Journalisten dürfen außer dem stolz – nicht arrogant – sein. Denn wir erfüllen eine wichtige Funktion für eine funktionierende Demokratie. (ts)

Zum Tag der Pressefreiheit hat Christian Mihr ein Interview in der Tagesschau gegeben.

Zur Person Christian Mihr

Christian Mihr ist in Kassel geboren, in Eschwege (Werra-meißner-Kreis) aufgewachsen und hat in der Kreisstadt sein Abitur gemacht. Anschließend arbeitete der heute 42-Jährige zwei Jahre lang als freier Mitarbeiter bei der Werra-Rundschau. Er studierte Journalistik, Lateinamerikanistik und Politikwissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt und der Universidad de Santiago de Chile. 

Dann arbeitete er als freier Journalist unter anderem in Ecuador und war in der journalistischen Weiterbildung für eine deutsche Stiftung in Südrussland. Mihr ist seit fünfeinhalb Jahren Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen. Er lebt in Berlin. (cow)

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