Das Jahr der Ratten: Franz Lämmer hat bunte Dorfgeschichten zusammengetragen

Dorla. Geschichte und Geschichten sind sein Metier. Franz Lämmer (84), seit 65 Jahren zuhause in dem Dörfchen Dorla, heute ein Gudensberger Stadtteil, sammelt sie und schreibt sie auf. Und weil er ein neugieriger Mensch ist, kommen die Geschichten auch zu ihm.

Seine „Dorlaer Dorfgeschichten“, die als 50seitige Broschüre jetzt gedruckt vorliegen, beschäftigen sich mit Ereignissen und Erzählungen, die außergewöhnlich waren für das Dorf, die ihm und anderen im Gedächtnis geblieben sind und die auch die Vergangenheit beleuchten: Wie haben die Menschen hier gelebt, was hat sie bewegt, welche Aufregungen und Besonderheiten hat es gegeben?

Persönliche Erinnerungen hat Franz Lämmer zum Beispiel an das Jahr, in dem Wanderratten einen Bauernhof in Dorla quasi besetzt hielten.

„Es war im Frühjahr 1949. Ich war nun schon fast ein halbes Jahr als Jungknecht auf einem Hof in Dorla beschäftigt“, beginnt er das Kapitel. Und berichtet von der Arbeit im Stall, von den Milchkühen, den Schweinen - und wie plötzlich Ratten den Hof eroberten, vom Dachboden bis zu den Ställen.

Kaum vorstellbar, wie die Situation damals eskalierte: „Wenn die Magd zur Futterzeit in den Stall ging, saßen die Nager bereits haufenweise auf den Trögen und stürzten sich sofort auf das eingeschüttete Schweinefutter. Dabei ließen sie sich auch nicht durch das Schreien der Magd vertreiben“, schreibt Lämmer.

Überall Rattengift, das Verschließen der Löcher in den Stallwänden, mit Knüppeln bewaffnete junge Burschen, die 50 Ratten pro Abend totschlugen: Die Menschen in Dorla versuchten alles, um der Plage Herr zu werden. Der Bauer zahlte sogar zehn Pfennige pro toter Ratte.

Wochenlang ging das so, doch die Wanderratten blieben, lernten neue Strategien und sorgten an warmen Regenabenden für ein besonderes Schauspiel: „Das ganze Rattenvolk versammelte sich auf dem Dach, um in den Dachrinnen ihren Durst zu löschen“, berichtet Lämmer. Es seien allein auf der dem Hof zugewandten Seite mindestens 300 Tiere gewesen, auf der anderen Seite nochmal so viele. „Das zeigt die wirkliche Dimension dieser damaligen Plage auf.“ Erst Ende 1950 verließen die Ratten über Nacht Hof und Dorf. Sie waren wohl weitergewandert.

Aber auch Erinnerungen an die kleine Kneipe im Dorf hat Lämmer aufgeschrieben. Dort stand während der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts der einzige Fernsehapparat des Dorfes.

Dorla hat außerdem einen ganz besonderen Franzosen zu bieten: Robert Laporte. Er kam 1940 wie viele andere als Kriegsgefangener in das Dorf und arbeitete in der Landwirtschaft. Doch er wurde zu einem echten „Freund Dorlas“, das er bis in die 90er-Jahre mehrmals besuchte.

Außerdem noch lesenswert: Das Pferdelazarett der Veterinärkompanie, das mit vielen Soldaten während des ersten Kriegsjahres in Dorla installiert wurde und in dem Rudolf Kirchschläger, später österreichischer Bundespräsident, für einige Monate stationiert war. (ula)

Zur Person: FRANZ LÄMMER, Jahrgang 1929, kam im Alter von 19 Jahren aus Thüringen nach Dorla. Er heiratete ein Dorlaer Mädchen und ist Hobby-Historiker.

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare