175 Jahre Radko-Stöckl-Schule: Interview über neue Lernkultur

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Neue Lernumgebung im Anbau der Radko-Stöckl-Schule: von links Lars Oppermann, Hans Bernd Richter, Bernd Basczok und Evi Saar-Evert, im Hintergrund angehende Industriekaufleute.

Melsungen. Anlässlich ihres 175-jährigen Bestehens bietet die Radko-Stöckl-Schule dieses Jahr etliche schulinterne wie öffentliche Veranstaltungen an. Im Herbst soll ein Schulfest zum Jubiläum stattfinden. Wir sprachen mit der Schulleitung über die Entwicklung der Berufsschule in den vergangenen Jahrzehnten.

Herr Richter, Herr Basczok, dieses Jahr feiert die Radko-Stöckl-Schule ihr 175-jähriges Bestehen. Seit Januar ist die Melsunger Berufsschule selbstständig und verfügt über ein eigenes Budget. Reicht das Geld für eine große Sause?

Richter: Unsere neu gewonnene Selbstständigkeit und natürlich auch das Budget nutzen wir ausschließlich zur Weiterentwicklung. Die Autonomie bietet uns beispielsweise Freiräume beim Personal, der Schul- und Lernorganisation und der Fortbildung. Anlässlich des Jubiläums bieten wir über das Jahr verteilt Veranstaltungen an und im Herbst auch ein Fest in einem angemessenen Rahmen.

Am Anfang stand 1837 in Melsungen eine Handwerksschule. Sie operierte mit Lehrgegenständen, dazu gehörten Schreiben, Geometrie und Baumaterialkunde. Heute spielen in der Melsunger Berufsschule auch Theater, Musik, Film und vieles mehr eine Rolle. Gab es dazwischen Meilensteine in der Entwicklung?

Richter: Traditioneller Unterricht war auf den Lehrer konzentriert. Ein Arrangement aus Tafel, Pult, Fensterfront, Waschbecken, Tischen und Stühlen wies dem Schüler die Rolle des Zuhörenden zu. Eigentlich sehr lange setzte die Industriegesellschaft auf uniformes Lernen. Seit einigen Jahrzehnten schon brechen wir das auf.

Oder Sie sind gezwungen es aufzubrechen. Völlig anders als noch vor 20 Jahren muss sich das Personal in den Betrieben und Unternehmen ständig neuen Anforderungen stellen. Einmal Erlerntes kann schnell veralten - und auch mit einem Berufsabschluss in der Tasche sind Arbeitnehmer ständig in Sachen Fort- und Weiterbildung gefordert. Welche Rolle spielt das in den Angeboten für die 1500 Melsunger Berufsschüler?

Basczok: Wir arbeiten permanent an den Bedingungen für ein gelingendes Lernen. Maßstab dafür sind uns empirische Befunde und Erkenntnisse der Neuropsychologie. Inzwischen verfügen wir über einen bunten Strauß an Lerngelegenheiten, die unseren Berufsschülern den Weg zum selbstständig Lernenden ebnen sollen. Diese neue Schulkultur schließt die Gestaltung von Lernräumen und das Nutzen von moderner Technik ein.

Von neuen Lernkulturen sprechen alle Schulen. Ein Schlagwort dabei ist Kompetenz. Wie belegen Sie den Erfolg neuer Lernstrategien?

Basczok: Beispielaufgaben unserer Berufsschule sind Bestandteil von wegweisenden Veröffentlichungen für Ausbildungsfragen auf dem Feld der Elektrotechnik.

Richter: Wir können nicht machen, was wir wollen. Ein permanenter Prüfstein unserer Arbeit sind die externen Prüfungen der Kammern. Über das, was hier gelernt wird, herrscht nach allen Seiten hin Transparenz.

In den Schränken der Radko-Stöckl-Schule lagern allein 50 verschiedene Zeugnisformulare. 18 Berufe können erlernt werden. Außerdem haben Sie Leistungskurse in Informatik und Wirtschaft fürs benachbarte Oberstufengymnasium, auf verschiedenen Feldern das Fachabitur und etliches mehr im Angebot. Welche Rolle spielt da das Personalmanagement?

Richter: Wir verstehen uns als regionaler Dienstleister. Die Wünsche unserer Kunden, etwa von Eltern, Schülern und Betrieben, sind uns wichtig. Berufsschullehrer bringen für ihre Aufgabe dabei in der Regel eine bunte Biografie mit. Sie haben neben Studium und Lehrerausbildung so gut wie immer einen Beruf erlernt und meist in verschiedenen Branchen gearbeitet. Da können wir uns in den Alltag unserer Schüler hineindenken und mit Unternehmensvertretern gleich welcher Couleur auf Augenhöhe verhandeln.

Ein Wort noch zur demografischen Entwicklung. In vielen Bereichen steigt nach Statistiken der Bedarf nach Fachkräften. Das fordert auch die Schulen heraus, beispielsweise bei der Qualifikation von Schülern, die aufgrund ihres Lebenswegs mehr mit Problemen als mit Lernenerfolgen konfrontiert waren. Was wollen Sie da künftig bewegen?

Richter: Wir sind eine Gesamtschule. Mit Lernkooperationen in verschiedenen Konstellationen führen wir beispielsweise Menschen mit Behinderungen zu erfolgreichen Berufsabschlüssen. Wir sind auch die Mittler zwischen Schüler und Betrieb und versuchen, durch Erziehungsarbeit Defizite auszugleichen, die ihre Ursache oftmals in familiären Zusammenhängen haben.

Basczok: Der Zug fährt aber noch in andere Richtungen. Auch die Globalisierung fordert uns. In der Berufswelt werden Fremdsprachen immer wichtiger. Wir bieten bilingualen Unterricht an. Und in unser Austauschprogramm sind Einrichtungen in Zypern, Schottland, Spanien und Mazedonien eingebunden.

Von Lorenz Grugel

Quelle: HNA

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