Gastbeitrag des Guxhagener Gedenkstättenleiters Dr. Gunnar Richter

Vor 70 Jahren: SS und Gestapo begingen Massenmord in Guxhagen

Ein Arzt in Uniform untersucht die Toten: Das Bild entstand am 22. April 1945 an der Klosterkirche Breitenau. Gedenkstellenleiter Dr. Gunnar Richter entdeckte das historische Foto in den 80er Jahren bei Forschungsarbeiten in den USA. Foto: Gedenkstätte Breitenau

Guxhagen. In letzter Minute vor dem Kriegsende verübten Gestapo- und SS-Angehörige vor 70 Jahren in Guxhagen einen Massenmord.

Mit dem Verbrechen beschäftigt sich der folgende Gastbeitrag. Autor ist der Historiker und Guxhagener Gedenkstättenleiter Dr. Gunnar Richter.

Am 30. März 1945 wurde am Fuldaberg in Guxhagen von Gestapo- und SS-Angehörigen ein Massenmord an 28 Menschen verübt. Unmittelbar davor war das Arbeitserziehungslager im ehemaligen Kloster und späteren Arbeitshaus Breitenau von der Gestapo Kassel aufgelöst worden. Die etwa 700 Gefangenen sollten nicht von den amerikanischen Soldaten befreit werden, die sich aus Richtung Fritzlar Guxhagen näherten. Deshalb wurden die Häftlinge 1945 am Gründonnerstag und dem Mittwoch davor in großen Kolonnen evakuiert.

Etwa 150 Gefangene kamen mit einem Zug in das KZ Buchenwald und die anderen Häftlinge wurden unter Bewachung in Richtung Nordosten abgeführt.

Gastautor: Der Historiker und documenta-Künstler Dr. Gunnar Richter leitet die Gedenkstätte Breitenau. Archivfoto: Zirzow

Nachdem das Lager fast vollständig evakuiert worden war, mussten etwa zehnverbliebene Gefangene am Fuldaberg eine Grube ausheben. Ihnen war gesagt worden, es sei zum Vergraben von Akten, aber sie ahnten, dass es sich um ein Massengrab handeln würde. Sie wussten nur nicht, für wen: Für sie selbst oder für andere. Schließlich wurden dreimal nacheinander zehn Gefangene an das Massengrab herangeführt. Sie mussten am Rand der Grube niederknien und wurden von hinten erschossen. Zwei der Gefangenen gelang es, in der Aufregung zu fliehen, und so wurden insgesamt 28 Menschen erschossen: 16 sowjetische, zehn französische und zwei niederländische Gefangene. Die Gefangenen, die das Massengrab hatten ausheben müssen, wurden nun gezwungen, die Grube mit den Ermordeten zuzuschaufeln.

Nach dem Massenmord waren die Gestapo-Mitarbeiter in Breitenau noch den gesamten Freitag damit befasst, ihre Büros zu räumen und Akten zu verbrennen. Nachts kehrten sie schließlich nach Kassel zurück. Am folgenden Morgen, am Ostersamstag, 31. März 1945, gegen 6 Uhr früh, erreichten die ersten amerikanischen Soldaten Breitenau und stießen auf ein fast leeres Lager. Sie befreiten die verbliebenen Gefangenen, verhafteten einzelne Aufseher und besetzten am nächsten Tag das gesamte Anstaltsgelände.

Drei Wochen später stießen die Amerikaner auf das Massengrab, die Ermordeten wurden daraufhin auf dem Anstaltsfriedhof beerdigt. Heute sind die Opfer auf dem Kriegsgräberfriedhof unterhalb der Jugendburg Ludwigstein bei Witzenhausen bestattet. 1987 wurde oberhalb des ehemaligen Massengrabes am Fuldaberg ein Gedenkstein zur Erinnerung an die Opfer des Massenmordes eingeweiht.

Von Dr. Gunnar Richter

 

Gedenkfeier

Zum Gedenken an die Opfer des Massenmordes in Guxhagen und das dortige Kriegsende gibt es einen ökumenischen Gottesdienst. Die Veranstaltung beginnt am Sonntag, 29. März, um 14 Uhr in der ehemaligen Klosterkirche. Anschließend geht die Gemeinde zum Fuldaberg, wo am Gedenkstein für die Ermordeten ein Kranz niedergelegt und eine neue Gedenktafel eingeweiht wird. Redner sind Bürgermeister Edgar Slawik, Pfarrer Frithjof Tümmler und Gedenkstättenleiter Dr. Gunnar Richter. Veranstalter sind die Gemeinde, die evangelische und katholische Kirche und die Gedenkstätte.

www.gedenkstaette-breitenau.de

Quelle: HNA

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