Dr. Joachim Klug war 32 Jahre lang Hausarzt in Gilserberg

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Ruhestand: Dr. Joachim Klug hat die Praxis an seine Kollegen Nils Wagner-Praus und Marei Schoeller übergeben.

Gilserberg. Wenn Dr. Joachim Klug seine Haustür öffnet und auf den Hof tritt, trifft er fast immer Patienten: „Das ist schön. Und ich freue mich, wenn meine Meinung immer noch gefragt ist", sagt der Allgemeinmediziner.

Er müsse sich erst noch daran gewöhnen, dass Wohnhaus und Praxis zwar Wand an Wand lägen, er aber eben nicht mehr täglich hin und her pendele.

Das hat Dr. Klug 32 Jahre so gemacht: Mehr als drei Jahrzehnte war er für Menschen im Hochland Hausarzt, Berater, manchmal auch Vermittler, ein guter Bekannter und auch Freund. Jetzt geht der 64-Jährige in den Ruhestand. Die Praxis haben Nils Wagner-Praus, der vor vielen Jahren in die Gemeinschaftspraxis mit einstieg, und seine Kollegin Marei Schoeller übernommen.

Klug ist froh, dass die Übernahme geklappt hat. „Täglich rufen mich Kollegen an und fragen, wie ich das gemacht habe“, erzählt er. Letztlich habe er das seiner jahrzehntelangen Kontaktpflege, unter anderem zur Uni Marburg, zu verdanken. Was Klug heute ärgert, ist die Verherrlichung des „alten Landarztes“. „Das halte ich nicht für gut und hat mit der Realität schlicht nichts mehr zu tun“, sagt er.

Klug selbst kam über seinen Schrecksbacher Kollegen Dr. Traugott Heil in die Gegend. „Andernorts waren mir die Praxispreise zu hoch“, erzählt der 64-Jährige.

Und so übernahm Klug die Praxis vom damaligen Gilserberger Hausarzt Dr. Handstein. „Am Anfang war ich ambivalent, ob ich hier heimisch werden würde. Die Landschaft hatte uns als Familie gefallen, aber natürlich gab es auch Existenzängste.“

Man habe ihn und die Familie im Hochland jedoch „sehr, sehr positiv“ aufgenommen. Was Dr. Klug „ein bisschen stolz“ macht, ist die gewachsene Infrastruktur ab den 1980er-Jahren.

„Mit einer Apotheke, der Ambulanten Pflege, dem Seniorenheim, der Suchtnachsorge und therapeutischen Praxen ist eine gute Versorgung gelungen.“ Schon immer engagierte sich der Hausarzt zusätzlich in der Ausbildung junger Kollegen.

Auch im Ort knüpfte er Kontakte zu Vereinen. „Ich habe Beruf und Privates nie getrennt. Auf dem Land ist das sinnlos.“

Das Leben des Landarztes trug die komplette Familie mit. „Wir hatten im Haus überall Telefone. Wenn ich an Wochenenden oder nachts im Dienst war, koordinierte meine Frau die Anfragen“, erzählt er.

Was er als bereichernd empfunden habe, sei eine Komponente, die heute als „erlebte Anamnese“ erforscht werde: „Ich habe viele Familien über Jahrzehnte begleitet und wusste dadurch natürlich auch um Ehekrisen oder Milieugeschichten.“ Heute sei das im Begriff der „Bauchmedizin“ geprägt. Natürlich sei mit der wachsenden Patientenzahl auch der Zeitfaktor ein Problem gewesen: „Man lernt, ein bisschen wie Robin Hood zu sein. Irgendwann weiß man, der kommt wegen eines gelben Scheins und dem geht’s wirklich schlecht.“ 50 bis 60 Arbeitsstunden die Woche seien normal gewesen, 120 Stunden jedoch auch nicht unüblich, erzählt Klug.

Wenn er heute durch die Dörfer fahre, sei das manchmal wie eine „Geisterstunde“. „Ich denke dann darüber nach, wer dort gewohnt hat. Die meisten Todesnachrichten habe ich mit dem Pfarrer zusammen überbracht.“

Auch wenn Klug das Landleben mag, so waren ihm immer neue Eindrücke wichtig: Er unternahm regelmäßige Urlaube, etwa nach Nepal - „auch wenn die Vertretung für die Praxis teurer war als die Reise“.

Vor fünf Jahren war Klug dann klar: „Das Tempo bringt dich um.“ Er bekam Probleme mit dem Herzen. „Wenn Gesundheit käuflich wäre, hätte ich gern weiter gemacht“, sagt er. „Ich bin deshalb nicht undankbar, wenn mich auf dem Hof einer nach meiner Meinung fragt.“

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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