Auf Spurensuche in Wolfhagen

Jude Charles Rosenmeyer besucht Wolfhagen als Stadt seiner Vorfahren

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Vor den Häusern der Vorfahren: Fiona und Charles Rosenmeyer aus London besuchten in Wolfhagen Wirkungsstätten und Häuser ihrer Familien. Charles Rosenmeyer zeigt auf das Haus Nummer 31 in der Schützeberger Straße. Dort hat sein Vorfahre Jakob Rosenmeyer gelebt, der Sohn des Metzgers Joseph Rosenmeyer. Im Haus gegenüber, Hausnummer 18, lebte der Bruder von Jakob, Moses Rosenmeyer. Die Spurensuche nahm Ernst Klein (links) auf. Er ist Vorsitzender des Vereins Rückblende – Gegen das Vergessen.

Wolfhagen. Wenn Charles Rosenmeyer sagt, dass er ein „Fan von Deutschland“ ist, dann zaubert das ein zufriedenes Lächeln in das Gesicht von Ernst Klein, den Vorsitzenden des Vereins Rückblende gegen das Vergessen.

Charles Rosenmeyer ist Jude und lebt in England. Jetzt führte ihn seine Reise nach Wolfhagen. Das erste Mal besuchte er die Stadt im Jahr 2013. „Seitdem habe ich so viel gelesen und auch selbst recherchiert, dass ich jetzt meine Familiengeschichte besser begreifen und die Zusammenhänge verstehen kann. Und deshalb möchte ich das hier vor Ort tun“, sagte Rosenmeyer.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau Fiona besuchte er das über 500 Jahre alte jüdische Ritualbad „Mikwe“ in Volkmarsen, das Haus Dr. Bock, in dem der Verein Rückblende seine Geschichtswerkstatt hat, den jüdischen Friedhof und schaute sich Häuser seiner Ahnen in Wolfhagen an. Dass er sich für die Heimat seiner Vorfahren so begeistern kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Charles Rosenmeyer hat keine Vorurteile gegenüber dem heutigen Deutschland trotz der Gräueltaten der Nazis von 1933 bis 1945, bei denen die Juden verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Er selbst findet es sehr schade, dass Deutschland meistens nur mit der Nazi-Vergangenheit in Verbindung gebracht und das Schöne ausgeblendet wird.

Verwandschaft verließ Deutschland vor Naziherrschaft

Rosenmeyers Eltern, Großeltern und weitere Verwandte haben Wolfhagen rechtzeitig vor der Naziherrschaft verlassen. Sie wanderten nach England und Amerika aus und entgingen dem Holocaust. Charles Rosenmeyer würdigte die Arbeit von Ernst Klein, der bereits viele Brücken zu Juden geschlagen hat. Viele von ihnen kamen erst durch Kleins Aufruf nach Deutschland zurück.

Und so hat Klein auch über die jüdische Familie Rosenmeyer aus Wolfhagen recherchiert. Erst vor Kurzem besuchte David Rosenmeyer die Stadt Wolfhagen (wir berichteten), ein direkter Verwandter von Charles Rosenmeyer. Mittlerweile hat Ernst Klein auch herausgefunden, in welchen Häusern die Rosenmeyers gelebt haben. „Früher in den alten Stadtplänen wurden die Häusernummern völlig zusammenhanglos vergeben“, sagte Klein. Nun gab es neue Erkenntnisse.

Relikt: Das Fragment eines Grabsteines mit der Inschrift Beilchen, geborene Rosenmeyer, in der mittleren Zeile.

So muss Jakob Rosenmeyer, ein direkter Vorfahre von Charles Rosenmeyer, in der Schützeberger Straße 31 gelebt haben. Direkt gegenüber, Hausnummer 18, lebte Moses Rosenmeyer. Und in der Großen Teichstraße 10 lebte Abraham Rosenmeyer (1825 bis 1913), der wohl zweitgrößte Steuerzahler in Wolfhagen. Dieser stammt aus der Ehe zwischen Isaak Meyer aus Lohne bei Fritzlar und seiner Frau Fradchen Speier. Sie bekamen vier Söhne und drei Töchter. Joseph Meyer nahm im Juni 1808 den Namen Rosenmeyer an. Auf dem jüdischen Friedhof in Wolfhagen gibt es ein Fragment eines Grabsteines, auf dem der Name Beilchen, verheiratete Rosenmeyer, steht. Auch dieses Relikt war für Charles Rosenmeyer ein wichtiges Detail zur Familiengeschichte.

Für den Rechtsanwalt Charles Rosenmeyer steht fest, dass er zurückkommen wird. Als Fan von Deutschland.

Die Geschichte des Hauses Teichstraße 10

Ein Haus gibt seine Geschichte frei – so lautete im Jahr 1996 die Niederschrift von Wolfgang Halfar (Gesellschaft für Kultur- und Denkmalpflege) zur 35. Sonderausstellung im Regionalmusem Wolfhagen zum Haus in der Teichstraße 10. Ausgestellt wurden Ausgrabungs- und Umbau-Funde aus dem Haus, das seit dem Jahr 1992 im Besitz des Wolfhagers Burkhard Finke ist. 

Er nahm sich damals dem heruntergekommenen Haus an und renovierte und restaurierte es, zumeist in Eigenleistung. Von dem im Dreißigjährigen Krieg zerstörten mittelalterlichen Haus waren zu Beginn der Umbauarbeiten noch Sockelmauern und ein Vorderhauskeller zu sehen. Die Zweizonigkeit und die Sockelhöhe ließen auf ein Handwerkerhaus schließen. Zahlreiche Ofenkachelscherben kamen beim Umbau zum Vorschein, vermutich aus der Zeit vor 1650. 

Das Haus Große Teichstraße Nummer 10: Hier lebte Abraham Rosenmeyer (1825 bis 1913).

Das neue Haus, erbaut 1679, wurde in Stockwerkbauweise errichtet. Neu und im Vergleich zu anderen Häusern in Wolfhagen war die Raumaufteilung mit einer in Vorder- und Hinterabschnitt geteilten Diele und im Oberstock ein ungeteilter Saal zur Straße hin. In den Jahren 1763/1765 ließ Stadtkämmerer Winter als Besitzer einen Speicher an das Haus bauen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts ließ der damalige Besitzer die Außenwände sanieren. Die stärksten Umstrukturierungen erfuhr das Haus nach dem Ersten Weltkrieg. Jetzt wohnten bis zu vier Familien in Vorderhaus und Speicher. 

Letztlich wurde das Haus aufgrund der nationalsozialistischen Funktionärstätigkeit des Besitzers von der amerikanischen Besatzungsmacht beschlagnahmt. Burkhard Finke fand zwischen den Dachsparren sogar eine offenbar in letzter Minute versteckte Hitlerplakette.

Quelle: HNA

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