Einziger im Landkreis Kassel

Auf dem Jüdischen Friedhof in Zierenberg sind Sepharden bestattet

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Hebräische und deutsche Inschriften: Elf Grabsteine stehen auf dem Jüdischen Friedhof in Zierenberg, ferner gibt es drei liegende Grabplatten – sie erinnern an sephardische Juden, die ebenfalls in Zierenberg lebten.

Zierenberg. Die Jüdischen Friedhöfe sind besondere Stätten der Ruhe. Die Verstorbenen haben ein ewiges Ruherecht, ihre Gräber sind somit unantastbar. In einer kleinen Serie wollen wir die Jüdischen Friedhöfe in Wolfhagen, Zierenberg, Breuna, Wettesingen und Naumburg vorstellen.

Zierenberg. Über viele Jahrhunderte hinweg hatte Zierenberg eine intakte Jüdische Gemeinde. Der Anteil ihrer Mitglieder an der gesamten Einwohnerzahl lag zwischen vier und sieben Prozent. Erste Ansiedlungen soll es bereits im 14. Jahrhundert gegeben haben. Bis die Zierenberger Juden ihre Toten in der Heimatstadt zu Grabe tragen konnten, sollten aber noch einige Jahre vergehen.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Toten in Meimbressen beigesetzt; erst im Jahre 1846 wurde an der Ehlener Straße ein eigener Friedhof angelegt, keine hundert Jahre später - im Jahr 1939 - war die Ruhestätte zerstört. Der damalige Bürgermeister hatte einen Teil des Grundstücks gekauft und den Friedhof einebnen lassen. Wie der ehemalige Zierenberger Pfarrer Wilfried Wicke sagt, seien einige Steine in Häusern verbaut worden, allerdings sei es schwierig, ihre Spur im Detail zu verfolgen.

Etwa 40 Grabsteine soll es bis zum Jahr 1938 auf dem kleinen Friedhof gegeben haben, 90 Menschen waren bis dahin bestattet wurden - unter ihnen auch einige Angehörige der sephardischen Juden. Laut Jochen Petzold, der beim Regierungspräsidium Kassel die Jüdischen Friedhöfe betreut, gäbe es heute außer in Zierenberg nirgendwo sonst im Landkreis Kassel noch Gräber von Sepharden. Bei ihnen handelt es sich um eine Glaubensgemeinschaft, die im ausgehenden Mittelalter von Spanien und Portugal in anderen Teilen Europas Fuß fasste.

Als die Novemberpogrome vor 75 Jahren wie ein Flächenbrand über Deutschland hinweggingen, gab es in Zierenberg nur noch 42 Juden. Viele hatten bereits das Land verlassen. Die meisten der Gebliebenen wurden in Lager deportiert, die Synagoge an der Mittelstraße zerstört. Bereits zu Beginn der 1930er wehte den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde ein scharfer, feindseliger Wind entgegen. Bei den Wahlen 1933 hatte die NSDAP in Zierenberg große Unterstützung erhalten.

Elf Grabsteine und drei Grabplatten erinnern heute an das jüdische Leben. Die Inschriften sind in hebräischer und deutscher Schrift verfasst. Und wie auf vielen Friedhöfen in der Region wurde auch in Zierenberg ein im Jahr 1946 errichteter Gedenkstein an die Toten, deren letzte Ruhestätte von den Nationalsozialisten zerstört wurde.

Hintergrund

Als Sephardim bezeichnen sich die Juden und ihre Nachfahren, die bis zu ihrer Vertreibung in den Jahren 1492 und 1513 auf der Iberischen Halbinsel lebten und die sich nach ihrer Flucht zum größten Teil im Osmanischen Reich (Bosnien) und in Nordwestafrika (Maghreb) ansiedelten.

Ein kleiner Teil siedelte sich auch in Nordeuropa an, insbesondere in den Seehandelsstädten der Niederlande und in Norddeutschland (vor allem Hamburg), aber auch in Frankreich (Bordeaux, Bayonne), Italien (Livorno, Ferrara). Ihre Kultur beruhte auf der iberischen Kultur. Die sephardischen Gräber sind mit liegenden Sandsteinplatten bedeckt.

Ein Zeitzeuge erinnert sich:

Als der heute 92-jährige Karl Rock am Abend des 8. November 1938 im elterlichen Haus am Marktplatz in Zierenberg den Geburtstag seiner Schwester feierte, nahm das Leben der wenigen in der Stadt verbliebenen Juden eine dramatische Wendung. Die Pogromnacht hatte Zierenberg einen Tag früher erreicht. Bewohner der Stadt attackierten die Juden. Sie warfen Fensterscheiben ein, drangen in jüdischer Häuser ein, warfen Einweckgläser und Lebensmittel auf die Straße. Die Synagoge an der Mittelstraße wurde zerstört.

„Unser Vater hatte uns verboten, auf die Straße zu gehen und die Szenerie zu begaffen“, erinnert sich Rock. Sein Vater hatte damals einen Kolonialwarenladen betrieben. Er habe sich geweigert, das Hakenkreuz an der Tür anzubringen, das den Juden den Zutritt verweigern sollte. Trotz Verbots habe sein Vater den Juden den Einkauf in seinem Geschäft gestattet.

Zierenberg sei bereits Mitte der 1930er Jahre ein sehr braunes Pflaster gewesen. In seiner Kindheit hätten etwa 20 jüdische Familien in der Stadt gelebt. Wer Geld hatte, verließ Zierenberg früh. Karl Rock erinnert sich an Freddy Katz. „Der ist 1934 mit dem Fahrrad in die Niederlande aufgebrochen.“ Von dort führte ihn die Flucht weiter nach Israel. Viele Jahre nach Kriegsende stattete Freddy Katz seiner Geburtsstadt und Karl Rock einen Besuch ab.

Doch es gab noch weitere Begegnungen mit jüdischen Nachkommen von Bekannten aus Kindertagen: Vor vier Jahren zeigte Karl Rock einer Familie Zierenberg. Die Enkel von Sally Holzapfel, der nur wenige Häuser neben Rock gewohnt hatte, hatten sich auf die Spur ihrer Vorfahren begeben. Auch Sally Holzapfel hatte dem feindseligen Deutschland den Rücken gekehrt und war nach Frankreich gegangen. Als die Deutschen Frankreich besetzten, hat er sich erschossen. Das Leben von Holzapfels Tochter Ruth nahm eine glücklichere Wendung; sie hatte noch rechtzeitig nach Israel ausreisen können. Mit ihren Kindern unterhält Karl Rock noch heute eine lose Brieffreundschaft.

Mit seinem phänomenalen Gedächtnis war der 92-jährige Zierenberger auch Ansprechpartner für Jehuda W. Wältermann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Oldenburg. Die Familie seiner Frau stammt aus Zierenberg. Karl Rock half den Eheleuten, die Lücken in der nordhessischen Vergangenheit zu schließen.

Heute leben in Zierenberg keine Juden mehr.

Von Antje Thon

Quelle: HNA

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