Kabarettwettbewerb: Manche Witze gingen unter die Gürtellinie

Das Omegamännchen: Matthias Ningel überzeugte mit leisem Witz und begeisterte mit Klavierspiel. Das war bestes musikalisches Kabarett. Fotos: Lache-Elsen

Melsungen. Einen großartigen Abend erlebten die Besucher der Kabarett-Tage am Mittwoch in der Kulturfabrik. Es war der zweite Abend des Kabarettwettbewerbs. Auf der Bühne standen dabei zwei Künstler wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Matthias Ningel und John Doyle.

Während der Amerikaner John Doyle in bester Comedy-Manier die Eigenheiten der Deutschen aufs Korn nahm, wonach eine Integration als Ausländer am besten übers Jammern gelingt, arbeitete Matthias Ningel mit soziologischer Gründlichkeit, musikalischem Feinsinn und Witz heraus, wie es ist, in der Gesellschaft nicht immer das Alpha-Männchen zu sein.

Zum 20. Geburtstag der Kabarett-Tage präsentiert mit Andreas Gehrke ein neuer Moderator das Melsunger Kulturereignis. Mit seiner einnehmenden Art führte der Leiter Fernsehen vom hr-Studio Kassel souverän durchs Programm.

Trotz seines jugendlichen, beinahe schlaksigen Auftretens gelang es dem mehrfach ausgezeichneten Matthias Ningel, die Lebenserfahrung von Generationen in wunderbare Lieder zu verpacken, deren leise Untertöne, feine Ironie und angedeuteter Sarkasmus niemals ins Zynisch-boshafte abglitten. Der Liedermacher und Humorist brach eine Lanze für das Unperfekte und sicherte sich so die Sympathie einerseits und das Lachen des Publikums andererseits.

Omega-Männchen, ein Plädoyer dafür, wieder Schwäche zu zeigen und ein Heilserum gegen Minderwertigkeitskomplexe. Die Gegenbewegung zu der Plattitüde: „Wichtig ist halt, wie man sich verkauft.“ Damit griff er den Zeitgeist auf, traf den Nerv der Zuhörer. Ein großartiger Beobachter und einer, der seine Themen umsetzen kann. Das i-Tüpfelchen und das Metier, in dem er sich wirklich wohlfühlt, ist die Musik. Am Klavier und mit seinem Gesang verlieh er seinem Programm eine ganz besondere Note. Mit seinen Inhalten ohnehin. Was tut ein Omegamännchen? Käsebrot essen, Luftgitarre spielen, Freundin beim Umzug helfen. Was nicht: Zungenkuss. Sätze, die ein Omegamännchen oft hört: Lass uns einfach Freunde bleiben.

Integration dank Rückenschmerzen: John Doyle begeisterte die Zuschauer mit Witz und kindlicher Naivität.

John Doyle, eher direkt als tiefgründig, beherrscht sein Metier ebenso. Ein Erzähler, der uns den Spiegel vorhält. Der weiß, dass des Deutschen liebstes Ding das Jammern ist. Schmerzen verbinden. Ja, es ist so, dass sich gleich eine Vertrautheit oder Solidarität einstellt, wenn wir einen Leidensgenossen treffen, mit dem sich ins gleiche Horn blasen lässt, was die generationsspezifischen Zipperlein angeht. Beispielweise Rückenschmerzen: „Was verbindet mich mehr mit meinem Gegenüber als dieses Leid?“ Doyle kitzelte das Zwerchfell der Zuschauer mit seiner sympathischen Art, seiner kindlichen Naivität und einem Witz, der schon mal unter die Gürtellinie ging.

Diese Ehrlichkeit, die plumpe Direktheit, die er als Amerikaner in Deutschland als Überlebenstraining lernen musste, die ihm die Beziehung zu Frau und Kind aber nicht eben erleichtert, brachte das Publikum zum Brüllen. Wenn er mit seiner Frau im Schlafzimmer den Film „Ein unmoralisches Angebot“ mit Demi Moore und Robert Redford schaut, die Ehefrau dann fragt, was er machen würde, wenn sie solch ein Angebot bekäme, lässt ihm nach 20 Jahren in Deutschland keine Wahl bei der Antwort. Er sagte: „Martina, hol deine Jacke, ich fahr’ dich hin. Für eine halbe Million bin ich auch dabei!“

Weiter geht es am Montag ab 19.30 Uhr in der Kulturfabrik, Karten 10/8 Euro.

Von Alexandra Lache-Elsen

Quelle: HNA

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