Dr. Ehrhart Appell war zur Zeit der Grenzöffnung Bürgermeister in Melsungen

Kaffee war heiß begehrt

Heiß begehrt: Dr. Ehrhart Appell aus Melsungen erinnert sich an die Grenzöffnung. Damals kauften die Besucher vor allem Kaffee ein. Foto: Nieswandt

Melsungen. Die ersten Tage nach der Grenzöffnung sind für ihn etwas ganz Besonderes gewesen: Dr. Ehrhart Appell, Ehrenbürgermeister der Stadt Melsungen, erinnert sich noch gut daran. Was ihn heute immer noch beschäftigt, ist der große Ansturm an Besuchern, die nach Melsungen kamen. „Es war wie eine Invasion“, sagt der 80-Jährige.

Er war zu dieser Zeit Bürgermeister und hat den 11. und 12. November 1989 noch ganz genau im Gedächtnis. „Am ersten Wochenende der Grenzöffnung waren schon morgens viele Trabbis mit ihrem typischen Motorengeräusch in der Stadt“, sagt Appell. „Das war schon ein Erlebnis, die ganzen Thüringer mit ihren erwartungsvollen Gesichtern vorbeifahren zu sehen“, sagt er.

Alle Besucher durften sich beim städtischen Ordnungsamt ein Begrüßungsgeld abholen. In Melsungen schon am ersten Wochenende über 30 000 D-Mark.

„Bereits nach kurzer Zeit ist das Begrüßungsgeld ausgegangen.“

Dr. Ehrhart Appell

Dazu gab es eine Banane, die seien in der DDR sehr begehrt gewesen. Auch Kaffee sei in Massen gekauft worden. „Bereits nach kurzer Zeit ist das Begrüßungsgeld ausgegangen“, sagt Appell. „Ich habe dann bei der Post nachgefragt, die haben uns ein wenig Geld leihen können.“ Doch lange habe es dem Ansturm auch nicht standgehalten. Schließlich hat Appell sich das Geld von Kaufmann Karl Reinbold geliehen.

Er habe durch seinen Laden einen Großteil davon wieder zurückbekommen, vermutet Appell. Natürlich auch das geliehene Geld.

Doch die Stadt hatte noch andere Angebote für die Besucher vorbereitet: „Sie haben kostenlosen Eintritt ins Schwimmbad erhalten und durften die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Außerdem haben wir Stadtführungen angeboten.“

Er habe sich an diesen Wochenenden mit vielen Menschen unterhalten. Sie hätten sich sehr gefreut, dass sie jetzt in den Westen fahren konnten. Viele hätten Verwandte gehabt, die sie erst nach der Grenzöffnung wiedersehen konnten.

Auch Appell und seine Frau hatten Kontakte in die DDR gepflegt. Sie hatten Freunde, die regelmäßig die Kleidung ihrer Tochter bekamen.

„Ihre Tochter hatte die gleiche Figur wie unsere“, sagt der Altbürgermeister. Dafür habe sie oft bemalte Ostereier geschickt. „Das Geld für die Eier hat meine Frau meistens im Saum der Kleidung eingenäht.“

Nach dem ersten Wochenende der Grenzöffnung sei der Besucherstrom in Melsungen nicht abgerissen. „Die Stadt war schön zu besichtigen und lag sehr nah, eine Trabbitankfüllung für Hin- und Rückweg“, sagt Appell und schmunzelt.

Menschen sehr gastfreundlich

Er sei sehr glücklich über die Wiedervereinigung gewesen und habe es erst nicht so recht glauben können. Die Melsunger seien den Besuchern gegenüber sehr gastfreundlich gewesen, noch heute gebe es Freundschaften, die aus einem gemeinsamen Kaffeetrinken entstanden seien. Neben ihnen ist auch eine Städtepartnerschaft mit Bad Liebenstein in Thüringen entstanden, die heute noch Bestand hat.

Von Leona Nieswandt

Quelle: HNA

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