Kelkheim

Den kalten Entzug gibt’s nicht mehr

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Nachgestellte Gruppensitzung im Wolfgang-Winckler-Haus mit der Leiterin Monika Weinhold (Mitte) und Lea Grimm (rechts).

Vor 25 Jahren wurde die Entgiftungsstation im Wolfgang-Winckler-Haus im Kelkheimer Stadtteil Eppenhain eröffnet. Seither hat sich viel in der Behandlung Drogenabhängiger verändert.

Karl S. ist bei einem Überfall mit einem Elektroschocker schwer verletzt worden. „Danach bin ich abgestürzt“, erzählt der 50-jährige Frankfurter, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Alkohol, Drogen, Medikamente – Karl S. hat alles genommen, was ihm in die Finger kam. „Es war Realitätsflucht“, sagt er.

Seit zehn Tagen ist Karl S. Patient in der Entgiftungsstation des Wolfgang-Winckler-Hauses im Kelkheimer Stadtteil Eppenhain. Gemeinsam mit anderen Patienten sitzt er am frühen Nachmittag im Aufenthaltsraum, blättert in der Zeitung, und fühlt sich sichtlich wohl. Bei der Drogenberatungsstelle in Frankfurt habe man ihm die Kelkheimer Einrichtung empfohlen, die vom Verein Jugendhilfe und Jugendberatung (JJ) betrieben wird, sagt er. Karl S. ist glücklich darüber.

„Ich war schon in mehreren Einrichtungen – im Bürgerhospital in Frankfurt und auf der Hohemark in Oberursel – an Eppenhain kommen die alle nicht ran.“ Viel familiärer sei hier der Umgang mit den Patienten, alles nicht so klinisch steril wie in einem Krankenhaus. „Das macht es leichter, von den Drogen loszukommen.“

Die Entgiftungsstation für Drogenabhängige in Eppenhain ist das kleinste Krankenhaus Hessens.

Mit sechs Betten ist die Entgiftungsstation des Wolfgang-Winckler-Hauses, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiert, das kleinste Krankenhaus Hessens und mittlerweile landesweit die einzige Einrichtung, in der Drogenabhängige losgelöst von einer großen Klinik einen Entzug machen können. Die Personalplanung sei immer wieder eine Herausforderung, sagt Leiterin Lea Grimm. Tag- und Nachtdienste seien ausschließlich mit examinierten Pflegekräften besetzt.

Sara Rajic ist Krankenschwester und begeistert von ihrer Arbeit in Eppenhain. „Endlich habe ich Zeit, die Patienten individuell zu betreuen“, sagt sie. Mit Monika Wiese-Schröder hat das Wolfgang Winckler-Haus auch eine eigene Ärztin.

Drei Wochen Aufenthalt bezahlen die Krankenkassen in der Entgiftungsstation. Wenn sie den Slogan hört, mit dem früher einmal für die Einrichtung geworben wurde, muss Lea Grimm schmunzeln. „Kalter Entzug in warmer Atmosphäre“ – davon könne heute keine Rede mehr sein, sagt sie. Drogenentzug ohne unterstützende Medikamente wie Methadon werde heute praktisch nicht mehr durchgeführt.

Pro Jahr kommen rund 140 Suchtkranke aus ganz Hessen zum Entzug ins Wolfgang- Winckler-Haus. Viele sind cannabis- oder kokainabhängig, einige haben zusätzlich ein Alkoholproblem oder nehmen Beruhigungsmittel. Es gibt eine Warteliste, die meisten Patienten können aber innerhalb von ein bis zwei Wochen aufgenommen werden. Weil einige ohne festen Wohnsitz sind oder zuvor in der Justizvollzugsanstalt waren, ist es wichtig, nach der Entgiftung die Übergangseinrichtung als nächsten Anlaufpunkt zu haben. Sie ist im selben Gebäudekomplex untergebracht, wird ebenfalls vom Verein JJ betrieben und von Monika Weinhold geleitet.

Tausende Drogenabhängige hat die ausgebildete Krankenschwester, die schon auf der Intensivstation eines Wiesbadener Krankenhauses und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Idstein gearbeitet sowie ein Studium für soziale Arbeit absolviert hat, im Wolfgang Winckler-Haus in den letzten 30 Jahren kommen und gehen sehen. Manche davon seien acht Mal dagewesen, erzählt sie. „Aber jeder Tag, den sie bei uns verbringen, ist ein guter Tag.“

Vor fünf Jahren sind die beiden JJ-Suchthilfeeinrichtungen in Eppenhain in das „Georg-Leber-Haus“ umgezogen. Das ehemalige Seminarhotel ist zwar nicht in allen Gebäudeteilen barrierefrei, aber es bietet viel Platz. In den Aufenthaltsäumen können die Bewohner am PC arbeiten, an der Playstation spielen, lesen oder fernsehen. „Es ist wichtig, dass die Menschen, die bei uns sind, ihre Freizeit konstruktiv gestalten, die Abstinenz von den Drogen positiv erleben“, sagt Monika Weinhold. Deshalb werde unter anderem auch Kunst- und Sporttherapie für die Zeit nach dem Entzug angeboten, die Bewohner könnten in der Küche mitarbeiten oder im Kraftraum trainieren. Die Kosten für den dreimonatigen Aufenthalt in der Übergangseinrichtung im Wolfgang-Winckler-Haus übernimmt der Landeswohlfahrtsverband. Danach wechseln die Patienten häufig in eine medizinische Reha oder in betreutes Wohnen.

In dem kleinen Taunusort Eppenhain sei die Drogenentzugsanstalt gut integriert, sagt Monika Weinhold. Noch nie habe es Probleme mit den Anwohnern gegeben. Dass das Wolfgang-Winckler-Haus idyllisch am Waldrand, damit aber auch „irgendwo im Nirgendwo“ liege, sei kein Nachteil: Damit gebe es auch nicht so viele Verlockungen wie in der Stadt.

Eher selten erfahren Monika Weinhold und Lea Grimm, wie einstmals drogenabhängige Menschen nach dem Aufenthalt im Wolfgang-Winckler-Haus im Alltag zurechtkommen. „Die meisten wollen nicht zurückschauen, sondern blicken lieber nach vorne“, sagen die Leiterinnen. Ein Beispiel, wie es gut laufen kann, hat Monika Weinhold aber doch parat: Erst vor kurzem sei eine ehemals cannabisabhängige junge Frau zu Besuch gewesen, „Sie hat ihr altes Umfeld verlassen, ist aus der Region weggezogen und will jetzt soziale Arbeit studieren.“

Der Verein

Im Jahr 1975 ist der Verein Jugendberatung und Jugendhilfe (JJ) aus dem Haus der katholischen Volksarbeit in Frankfurt hervorgegangen. 

Ziel des Vereins ist es, hilfebedürftigen, behinderten, gefährdeten oder psychisch kranken Menschen Beratung, Behandlung und Lebenshilfe anzubieten. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Jugend- und Suchthilfe. 

Das Wolfgang-Winckler-Haus in Eppenhain ist als Projekt eines Bundesmodells im Verbund der Drogenhilfe 1990 entstanden. Es bietet sechs Plätze in der Entgiftungsstation und 30 Betten in der Übergangseinrichtung. Benannt ist es nach dem ehemaligen Referenten für Sucht im Hessischen Sozialministerium, Wolfgang Winckler. 

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