Lehrling erwürgte 17-Jährige – Er wollte die Belohnung für seine eigenen Hinweise

Kalter, gefühlloser Täter

Kuriose Geschichte: Die zunächst als Mordopfer identifizierte Frau aus Wabern lebte und stellte sich den begeisterten Fotografen der Presse zum Shooting zur Verfügung. Foto: Archiv Thomas Schattner

Fritzlar. Der Mord von Bad Zwesten im August 1953 war noch in aller Munde (wir berichteten), da hatte die Polizei schon den nächsten Mord im Kreisgebiet aufzuklären. Am Sonntag, 16. August 1953, fand eine Spaziergängerin in einer flachen Mulde am Feldweg zwischen Fritzlar und Züschen, etwa 500 Meter nördlich der Hellenwarte, die Leiche eines unbekannten Mädchens.

Rasch war klar, dass ein Verbrechen wahrscheinlich ist. Nach der Tatortaufnahme und -beschreibung wurde die Tote ins Hospital zum Heiligen Geist gebracht.

Noch am gleichen Nachmittag meldete sich ein Mann aus Wabern, der glaubte, es handele sich um seine Stieftochter. In der kaum entstellten Leiche erkannte er diese und erklärte mit absoluter Sicherheit, die Tote sei die genannte Person. „Während dieser Mann vernommen wird, erscheint diese in Person. Die Tote lebt! Eine Sensation für die hellhörige Presse“, so der damalige Polizeibericht. Die angeblich Tote ließ sich auch fotografieren, allerdings nur zum Preis von 5 DM.

Junge Hausangestellte

Am gleichen Abend wurde das Opfer als eine 17 Jahre alte Hausangestellte aus Werkel, die schon drei Wochen vermisst wurde, identifiziert. Die Kleidung und Fotografien der Frau, die als Hausangestellte in Fritzlar arbeitete, wurden in einem Schaufenster der Domstadt ausgestellt. Die Gerichtsmedizin Marburg stellte fest, dass die Frau durch Erwürgen erstickt wurde.

Sehr schnell stand ein erstes Ergebnis der Ermittlungen fest: Die Ermordete war am 15. August gegen 17 Uhr mit einem jungen Mann vor dem Kino in der Allee gesehen worden. Es ergoss sich eine Verhaftungswelle über Nordhessen.

„Und täglich geht er zum Schaufenster und schaut sich die ausgestellten Kleidungsstücke und Lichtbilder der Ermordeten an.“

Über den Täter aus den Polizeiakten 1953

In Obervellmar wurde ein Landstreicher festgenommen, weil er frische Kratzspuren im Gesicht trug. Aber er hatte mit der Tat nichts zu tun. Ein anderer junger Mann, der in der Nacht vom 15. auf den 16. August in der Jugendherberge in Fritzlar übernachtet hatte, kam als nächstes ins Visier der Fahnder, weil er die Herberge ohne seinen Herbergsausweis verlassen hatte. Er hatte er ein einwandfreies Alibi.

Selbst in Obersuhl wurde ein tatverdächtiger Mann vorläufig festgenommen. Er fiel auf, weil er einem Bahnbeamten erklärte, er käme aus dem Raum Fritzlar und wolle über die Zonengrenze. Insgesamt gab es zwölf Hinweise zum Mord in Fritzlar, doch alle blieben ergebnislos. So wurde eine Belohnung von 500 DM ausgesetzt.

Der wahre Täter befand sich immer noch in Fritzlar. Er ging nach der Tat in aller Ruhe nach Hause zum Abendbrot. Doch dann macht er den entscheidenden Fehler: Er offenbart einem Freund, dass es einen „Brotfresser“ weniger gäbe und dass er das Mädchen auf dem Hellen umgebracht hätte. Und täglich geht er „zum Schaufenster und schaut sich die ausgestellten Kleidungsstücke und Lichtbilder der Ermordeten an“, heißt es in den Polizeiakten. Täglich liest er die Lokalzeitung, um auf dem aktuellen Stand der Ermittlungen zu sein.

Drei Tage nach dem Mord gab der Freund des Mörders der Polizei einen Tipp. Noch am selben Nachmittag wurde der Täter verhaftet. Sofort war er geständig. Er hätte gerne mit der Ermordeten während des gemeinsamen Spaziergangs Geschlechtsverkehr ge-habt. Das habe die Ermordete aber abgelehnt und geweint. Aus Wut und aus Angst davor, dass sein Vater von dieser „Schmach“ erfahren würde, habe er das Opfer erwürgt.

Die Analyse des Psychologen, der dem Mörder untersuchte, war einfach. „Eine reine reale Verstandesnatur, völlig kalt und gefühlslos. Ein geistiger Defekt liegt nicht vor. Bei der Einlieferung in das Gefängnis stellt sich der Täter seinen Mitgefangenen stolz als der ´Mörder von Fritzlar´ vor.“

In der Untersuchungshaft verlangt der Täter, dass die ausgesetzte Belohnung an ihn ausgezahlt werden müsse, weil er durch sein Geständnis zur Aufklärung des Mordes beigetragen habe. Von der Jugendstrafkammer des Landgerichts in Kassel wurde er zu einer Jugendstrafe von zehn Jahren verurteilt.

Quelle: Anlageband zum Tagebuch des Polizeikommissariats Fritzlar-Homberg vom 8. Mai 1945 bis zum 31. Dezember 1958

Von Thomas Schattner

Quelle: HNA

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