Vor 50 Jahren: Die US-Truppen kommen im Mai 1962 nach Rörshain

Kalter Krieg vor der Tür

Zäune und Stacheldraht: Der alte Haupteingang zum früheren Atomwaffenlager Rörshain. Foto: Schattner

RÖRShain. Die amerikanische Vorhut gehörte zum 7th USA-Field-Artillerie-Detachment, einer Spezialeinheit, die seit März 1962 intensiv auf ihren Einsatz in der Bundesrepublik vorbereitet wurde. Ihr Auftrag: Sie sollten unter anderem die Bataillone der Artillerie-Regimenter der 2. US-Division, die in Schwalmstadt und Stadtallendorf stationiert waren, mit Artilleriemunition versorgen. Rasch versahen so etwa 60 amerikanische Soldaten in Rörshain ihren Dienst.

Die US-Truppen hatten bis zu ihrem Abzug 1992 den prekären Auftrag, Atomsprengköpfe für Panzerhaubitzen vorrätig zu halten. Dafür wurde das Gelände wie eine Festung ausgebaut.

Auf dem 19 Hektar großen Gebiet wurden 18 Bunker errichtet. Im Inneren sicherten die Amerikaner die Atomwaffen, außen versahen Bundeswehrsoldaten ihren Dienst.

Drei Zaunreihen, Panzersperren, Patrouillen mit Wachhunden, Videokameras und Lichtschranken sicherten das Gebiet. Alle Informationen liefen im Kontrollturm zusammen. Dennoch: Eine Übung mit britischen Spezialeinheiten zeigte, dass die Kaserne samt Atomwaffen in nur wenigen Minuten eingenommen werden konnte. Falls es zu Kampfhandlungen mit Truppen des Warschauer Pakts an der innerdeutschen Grenze kommen sollte, wollte die Nato vorbereitet sein. Wenn, dann rechnete man mit einem Durchbruch der Einheiten der Ostblockstaaten in de Gegend von Fulda.

Später wurde deshalb auch die Friedensbewegung in Rörshain aktiv: Am 15. Oktober 1983 waren etwa 700 junge Friedensaktivisten aus Hessen und Niedersachsen in Rörshain vor Ort. Von 7 bis 19 Uhr blockierten sie friedlich das Atomwaffenlager. Doch es sollte noch Jahre dauern, bis die Friedensaktivisten an ihrem Ziel waren.

Stattdessen sorgte ein Artikel des Magazins der „Stern“ im Sommer 1990 für Aufregung in der Region. Der berichtete, dass bestimmte amerikanische Atomwaffen Konstruktionsfehler aufwiesen, die diese Waffensysteme zu einem Sicherheitsrisiko machen würden. Darunter befanden sich Einschätzung des „Stern“ auch die Rörshainer Atomwaffen. Doch glücklicherweise gab es in der Region keine Zwischenfälle.

Mantel des Schweigens

Wann die Atomwaffen aus Rörshain abgezogen wurden, ist unklar, da die Amerikaner um das Lager immer einen Mantel des Schweigens gelegt haben. Unglaublich, aber wahr!

Gerechtfertigt wurde dies mit der Notwendigkeit der Geheimhaltung während des Kalten Krieges. Mit hoher Wahrscheinlichkeit geschah dies in der zweiten Hälfte des Jahres 1991 und in einer heimlichen Nacht- und Nebelaktion der US-Truppen.

Seit 1994 wird das ehemalige Munitionslager von der Stadt Schwalmstadt genutzt, unter anderem als Lager für Geräte und Material des Bauhofs.

Dennoch bleibt das Gelände ein beklemmender Ort des Kalten Krieges für jeden, der sich dem Gelände näher, auch 50 Jahre nach Ankunft der US-Truppen in Rörshain.

Von Thomas Schattner

Quelle: HNA

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