Interview zum Abschied

Bischof Martin Hein: „Basta – das gibt’s in der Kirche nicht“

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Frisch im Amt: Am 31. August 2000 trat Martin Hein das Bischofsamt an. 

Es sind seine letzten Monate als Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW): Ende September tritt Prof. Dr. Martin Hein in den Ruhestand.

Die Landessynode wählt seine Nachfolgerin. Wir sprachen mit dem scheidenden Bischof über seine fast zwei Jahrzehnte dauernde Amtszeit.

Fast 20 Jahre Bischofsamt – für viele Menschen sind sie einfach „der Bischof“. Wie schwer fällt es Ihnen nach so langer Zeit nun loszulassen?

Es ist nicht nur ein Abschied vom Amt, sondern auch vom Dienst. Das fällt mit schwer, denn ich fühle mich noch nicht so, als ob ich aufhören müsste: Ich habe noch eine innere Spannkraft und auch noch jede Menge Ideen. Aber ich merke schon, dass, wenn jetzt Weichen gestellt werden, sie mich nicht mehr betreffen. Vieles von dem, was ich gerade mache, mache ich zum letzten Mal.

Was hat Ihnen denn Freude gemacht, was haben Sie als Belastung empfunden?

Das Amt hat mir Freude gemacht, denn es bietet ungeheuer viel Abwechslung, aber es ist auch ein Amt mit ungeheuer vielen Sitzungen – das muss man mögen. Ich hatte wunderbare Begegnungen, habe fast jeden Sonntag gepredigt und allein 880 Festgottesdienste gehalten. Ich habe mich als Bischof immer auch als Pfarrer verstanden.

Zu Dienstbeginn hatte die EKKW noch über eine Mio. Mitglieder, derzeit sind es noch rund 800 000. Lässt sich der Mitgliederschwund noch aufhalten?

Das ist eine schwierige Frage. Die jüngste von der katholischen und evangelischen Kirche in Auftrag gegebene Prognose für 2060 geht davon aus, dass sich die Zahl der Christen halbieren wird. Aber: Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck ist eine Landeskirche mit relativ geringen Austrittszahlen, was auch an ihrer ländlichen Struktur liegt. 800 000 Mitglieder bringt kaum eine andere Organisation auf – und das vor dem Hintergrund, dass wir kein Zuzugsgebiet sind. Vor allem junge Menschen sind nach dem Abitur verschwunden.

Wie wollen Sie denn die junge Generation erreichen?

Frisch im Amt: Am 31. August 2000 trat Martin Hein das Bischofsamt an.

Die 25- bis 35-Jährigen sind in der Tat am schwersten für kirchliche Fragestellungen zu erreichen: Der erste Job, die ersten Gehaltszettel – diese Generation rechnet, wo sie sparen kann, und tut dies bei der Kirchensteuer. Übrigens: 70 Prozent der Gemeindemitglieder zahlen keine Kirchensteuer. Und die, die es tun, fragen sich: Was habe ich denn davon? Wir haben deshalb die Idee, in den kommenden Jahren eine „Church-Card“ zu entwickeln, eine Art Mitglieds- oder Bonus-Karte. Sie könnte etwa ein Vorrecht bei der Vergabe von Plätzen in evangelischen Kindertagesstätten einräumen oder aber Rabatte bei Kirchen-Konzerten ermöglichen. Und sie suggeriert, verbunden mit einem jährlichen Dankes-Brief: „Ich gehöre dazu“.

Als wir Sie im Jahr 2000 porträtierten, schrieben wir: „… Hein, der täglich im Internet surft.“ Was damals noch ungewöhnlich war, gehört heute zum Berufsalltag. Wie hat sich Kirche im Zeitalter des Internets verändert?

Natürlich haben wir ein Interesse, in den elektronischen Medien vorzukommen, und aktualisieren stetig unsere Internetpräsenz. Zudem waren wir innerhalb der Evangelischen Kirche bundesweit Vorreiter bei der internen Kommunikation: Alle rund 900 Pfarrämter sind über ein Intranet verbunden. Bis zum Jahresende wird auch das Kirchenamt papierlos sein. Trendsetter waren wir auch darin, die Kirchenvorstandswahl online anzubieten. So kommen wir der Art und Weise, wie junge Menschen wählen, näher.

Und Sie haben gechattet.

39 Mal in meiner Dienstzeit. Aber die Hochzeit dieses Mediums ist vorbei, da gibt es neuere Formen. Aber ich habe mich bewusst dafür entschieden, nicht zu twittern. Ich muss nicht jede Neuigkeit in die Welt blasen, so wichtig bin ich nicht.

Zu Amtsbeginn zitierten wir Sie mit dem Satz „Ich lege Wert auf eine intellektuelle Zeitgenossenschaft.“ Viele haben Sie als einen klugen und scharfsinnigen Bischof geschätzt. Wie aber haben Sie den Kontakt zur Basis gehalten?

Indem ich jeden Sonntag gepredigt habe. Ich neige nicht dazu, Distanzen aufzubauen. Ich bin aber nach wie vor der Meinung, dass Pfarrer öffentliche Intellektuelle sind. Der Pfarrberuf ist anspruchsvoll, die öffentliche Darstellung des Evangeliums ist anspruchsvoll, in ganz verschiedenen Kontexten: vom Kirmeszelt bis zur wissenschaftlichen Einrichtung. Gerade in der Wissenschaft muss man die Dinge kenntnisreich darstellen, um nicht nur gehört, sondern ernst genommen zu werden.

Kirche muss sich in politische und gesellschaftliche Fragen einmischen.

Ja, aber Kirche soll sich nur zu Dingen äußern, wo sie etwas zu sagen hat. Beim Thema Fracking etwa hätten wir uns vorab besser informieren müssen. Man darf nicht alles aus der Hüfte heraus bewerten, sondern muss sich Fachwissen aneignen und Meinungen hören. Das tun wir etwa beim Thema Glyphosat auf Kirchenland.

Nicht immer stießen Ihre Einwürfe aber auf Gegenliebe. Für Aufruhr sorgte Ihr Satz: „Wir beten alle zu demselben Gott.“ Steht dieser Satz nach wie vor?

Klares Ja. Ich habe diese These schon 2010 geäußert, damals war die Reaktion gleich Null. Dann kam die Flüchtlingswelle, die zunächst Sympathie auslöste, die dann aber kippte zugunsten einer politischen wie religiösen Abschottung. Die Stimmung war eine andere geworden. Mein Anliegen war, in theologische Grundfragen durchzudringen.

Was Ihnen teils heftige Kritik einbrachte.

Es gab Vorwürfe, ich sei blauäugig und würde das Christentum verraten. Mitnichten! Natürlich ist der Islamismus in der radikalen Form eine Gefährdung der offenen Gesellschaft. Mir geht es aber darum, das Thema theologisch zu betrachten. Was haben wir aus der Debatte gelernt? Wenn sich die Rahmenbedingungen verschoben haben, ist dieselbe Äußerung plötzlich eine andere.

Ihrer Amtszeit war in den letzten Jahren durch einen Reformprozess – Stellenabbau, Sparkurs – geprägt. Ist das eine Ihrer Errungenschaften?

Dafür bin ich ja nicht allein verantwortlich. Ich habe mich dem Reformprozess nicht versperrt, ich habe ihn gewollt. Vor allem anfangs gab es viel Kritik. Es ist durchaus menschlich, sich nicht auf Neues einstellen zu wollen. Mein Ziel war es, Entscheidungen im Konsens zu treffen, aber auch meine eigenen Interessen zu benennen. Ein Bischof wirkt durch überzeugende Worte, nicht durch Machtworte. Basta – das gibt’s in der Kirche nicht.

Was würden Sie im Nachhinein anders machen?

Was mir nicht gefällt ist, dass der Reformprozess weder bei Pfarrern noch Gemeinden die letzte Akzeptanz gefunden hat. Da würde ich mir mehr Freiheit im Denken und im Glauben wünschen.

Was wollen Sie Ihrer Nachfolgerin noch mit auf den Weg geben?

Das Feld ist gut vorbereitet, sie hat wunderbare Mitarbeiter. Beide Kandidatinnen kommen von außen. Die neue Bischöfin wird sich also in ihr Amt einfinden müssen. Ein Blick von außen kann auch gut sein. Typisch Nordhessisch ist ja der Satz: Das war schon immer so. Dann ist es gut, wenn jemand fragt: Muss das so sein? Insofern besteht eine große Freiheit, kritisch hinzugucken. Ich selbst werde mich jedenfalls aus der Kirchenpolitik heraushalten. Ich gebe alle Aufgaben ab.

Und wie wird Ihr Ruhestand dann aussehen?

Ich habe kürzlich den Vorsitz der Kasseler Musiktage übernommen, habe noch einen Lehrauftrag an der Universität Kassel, und ich werde als Senior Advisor zu Vorbereitung der Vollversammlung des Weltkirchenrats 2021 in Karlsruhe tätig sein. Ich habe immer gern gepredigt – in Kurhessen lasse ich das aber sein. Am 1. Oktober gebe ich das Bischofskreuz ab. Aber Pfarrer bleibe ich.

Ihr Bibelvers?

Zur Freiheit hat uns Christus befreit (Galater 5,1).

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