Flüchtlinge nach Bulgarien abgeschoben

„Wir sind schockiert und entsetzt“: Walter-Lübcke-Schule kämpft für abgeschobene Familie aus Syrien

Syrische Familie abgeschoben: Katia und Mervan Kheder hoffen auf eine Rückkehr nach Deutschland.
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Syrische Familie abgeschoben: Katia und Mervan Kheder hoffen auf eine Rückkehr nach Deutschland.

Eine syrische Familie war vor wenigen Tagen nach Bulgarien abgeschoben worden. Das sorgt im Wolfhager Land für einen Aufschrei. Mehrere Akteure kämpfen für eine Rückkehr.

Die Abschiebung einer syrischen Familie in dieser Woche nach Bulgarien sorgt für einen Aufschrei im Wolfhager Land. Ein breites Unterstützungsbündnis mit der Initiative Offen für Vielfalt, der Wolfhager Walter-Lübcke-Schule, der Diakonie sowie Flüchtlingshelfern hat den Fall am Freitag öffentlich gemacht und kämpft für eine Rückkehr der Familie.

Die Familie wurde am Mittwoch um ein Uhr nachts von der Polizei in der Wolfhager Pommernanlage abgeholt und in ein Flugzeug nach Bulgarien gesetzt.

Wir stehen alle unter Schock, meine Mutter hat einen Nervenzusammenbruch erlitten“, berichtet Katia Kheder. Zeit zum Packen hätte man ihnen nicht gelassen. „Viele Sachen sind in Wolfhagen liegen geblieben.“ Die Familie ist jetzt in Sofia in einer Pension untergekommen. „Wir haben aber gar kein Geld und wissen nicht, wie wir das bezahlen sollen“, so die 17-Jährige verzweifelt gegenüber der HNA.

Syrische Familie abgeschoben: Walter-Lübcke-Schule kämpft für Rückkehr

Weil die Schule und die Wohnung der Familie in einem Vorort von Damaskus zerbombt worden war, war die Mutter Aziazh Kheder mit ihren Kindern Katia und Mervan 2017 über Bulgarien nach Deutschland geflüchtet. Der Vater gilt als tot. Die drei lebten seitdem in der Wolfhager Pommernanlage. Heute ist Katia 17, ihr Bruder gerade 18 Jahre alt geworden.

„Die Familie war in Wolfhagen voll integriert“, so Schulsozialarbeiter Henning Riedel. „Beide hatten schon Ausbildungsverträge in der Tasche. Katia stand kurz vor ihrem Realschulabschluss und wollte Altenpflegerin bei der Phönix in Wolfhagen werden, ihr Bruder war in einer Baufirma fest eingeplant“, so Riedel. Die ganze Familie sei ehrenamtlich engagiert gewesen. Katia hat als Dolmetscherin ausgeholfen, ihre Mutter gehörte in der Pommernanlage zu einer Gruppe, die Mund-Nasen- Bedeckungen nähte.

„Mit ihren Ausbildungsvergütungen hätten die beiden jungen Menschen den eigenen Lebensunterhalt und den ihrer Mutter ohne Weiteres bestreiten können“, erklärt Michael Sasse von Offen für Vielfalt, der sein Unverständnis über die Abschiebung in einer Pressemitteilung ausdrückt. „Wir sind schockiert und entsetzt“, schließt sich auch Schulleiter Ludger Brinkmann an. „Wir werden jetzt alle Hebel in Bewegung setzen, damit diese Familie zurückkommt.“

Walter-Lübcke-Schule: Lehrer haben kein Verständnis für Abschiebung

Katia sei eine nette Mitschülerin und gute Freundin. Sie sei fleißig, ambitioniert und engagiert, so Schulsprecher Linus Bubel. „Es ist grausam, unverantwortlich und unfair, die Familie in ein Land zu schicken, dessen Sprache sie nicht mal versteht.“

„Ich habe Katia in Englisch unterrichtet. Sie wusste schon immer, dass sie nur mit einer guten Schulausbildung eigenständig werden und so eine Chance auf ein gutes und selbstverantwortliches Leben haben kann“, erklärt ihr Lehrer Stefan Zindel.

Sie alle drückten gestern ihr Unverständnis darüber aus, dass derart integrierte Menschen abgeschoben werden und andere, die sich möglicherweise strafbar gemacht hätten, in Deutschland bleiben dürften.

Dazu Katrin Walmanns, Pressesprecherin des Regierungspräsidiums Kassel: „Die Familie genießt in einem anderen EU-Staat Schutz vor Verfolgung. Im Rahmen des Dublin-Verfahrens ist dieses Land für die Familie zuständig. Mögliche Abschiebehindernisse in den Zielstaaten werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Dublin-Verfahren geprüft.“ Und weiter: „Die Ausländerbehörde beim RP Kassel ist als ausführende Stelle an die Entscheidungen des BAMF gebunden und hat diese zu vollziehen. Die Ausländerbehörde beim RP Kassel hat den Fall aufgrund der HNA-Anfrage erneut geprüft und ist dabei zu keinem anderen Ergebnis gekommen“, so Walmanns.

Flüchtlinge, die in Europa Asyl beantragen wollen, müssen sich an die Dublin-Verordnung halten. Darin ist geregelt, dass Flüchtlinge in dem Land Asyl beantragen müssen, wo sie zuerst EU-Boden betreten haben. Dies war im Fall der der syrischen Familie Bulgarien. Faktisch ist Deutschland damit für das Schicksal der Familie nicht zuständig. Mitgliedsstaaten halten sich jedoch nicht immer streng an diese Regelung. (Bea Ricken)

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