Begleitperson soll zahlen

Keine Kulanz für einen blinden Gast im Zierenberger Schwimmbad

+
Kann die Haltung der Stadt nicht verstehen: Der blinde Sven Thiele, hier vor der Tür des Freibades Zierenberg, wünscht sich eine kostenlose Eintrittskarte für seine Begleitperson. 

Zierenberg. Für Kopfschütteln und Raunen in den Zuschauerreihen sorgte bei der Zierenberger Stadtverordnetensitzung die Antwort von Bürgermeister Stefan Denn (SPD).

Und zwar auf den in der Bürgerfragestunde vorgebrachten Wunsch eines Zierenbergers um Ermäßigungen beim Schwimmbad-Besuch.

Sven Thiele wohnt seit einigen Jahren in Zierenberg, engagiert sich in Vereinen, ist auch Mitglied im Förderverein des Schwimmbades und spielt auf der Niederelsunger Waldbühne mit. Er ist seit seiner Geburt blind und im Besitz eines Schwerbehindertenausweises mit dem Kennzeichen B. Dies bedeutet, dass der 32-Jährige auf die Hilfe einer Begleitperson angewiesen ist.

Als ehemaliger Leistungsschwimmer geht Thiele regelmäßig ins Schwimmbad. Während in anderen Bädern wie Breuna und Baunatal seine Begleitperson keinen Eintritt zahlt, gibt es diese Vergünstigung im Zierenberger Freibad nicht. In der Sitzung bat Thiele, diese Regelung im Sinne von Teilhabe und Nachteilsausgleich behinderter Menschen zu übernehmen. „Ich muss jedes Mal jemanden verdonnern, mich zu begleiten und dann muss diese Person auch noch Eintritt zahlen“, erklärte er in der Sitzung. Für sich selbst wolle er den Eintritt gern bezahlen.

Dies sehe die Entgeltordnung nicht vor, antwortete ihm Bürgermeister Denn in der Sitzung. Danach entfachte sich eine kurze Diskussion im Parlament mit dem Tenor, dass eine solche Ermäßigung ausufere, weil es zu viele Schwerbehinderte in der Stadt gebe und die meisten sich den Eintritt problemlos leisten könnten.

Es geht ums Prinzip

Es gehe ausschließlich um Behinderte, die das Kennzeichen B im Ausweis hätten, sagte Thiele. Und das wären in der Stadt vielleicht drei oder vier Personen. Für ihn geht es in der Frage nicht um finanzielle Leistungsfähigkeit, sondern ums Prinzip. „Menschen mit Behinderungen haben doch auch einen Anspruch auf Teilhabe am kulturellen Leben.“ Wenn die vier Betroffenen eine Jahreskarte fürs Freibad erhalten würden, koste dies der Stadt rund 300 Euro im Jahr.

Bürgermeister Stefan Denn erklärte auf Anfrage der HNA, dass das Thema im Magistrat besprochen werden soll.

Was im Gesetz steht

Einen gesetzlichen Anspruch auf Vergünstigungen für Begleitpersonen gibt es nach Auskunft von Christina Jäger, Pressesprecherin der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, nur im öffentlichen Personennah- und -fernverkehr. Begleitpersonen von Schwerbehinderten mit dem „B“ im Ausweis würden in Bussen und Bahnen kostenlos befördert. In allen anderen Bereichen gebe es keine gesetzliche Verpflichtung, eine Entscheidung über den Erlass von Eintrittsgeldern obliege dem Anbieter, so Jäger.

Kommentar: Das ist peinlich

Wie bitter: Da fragt der blinde Zierenberger nach einer Leistung, die in Zeiten von Teilhabe und Inklusionsbestrebungen eigentlich selbstverständlich sein sollte, und wird mit dem Hinweis auf die Entgeltordnung abgespeist. Dabei will er nicht mal eine Vergünstigung für sich selbst, sondern lediglich für die Person, die ihm bisweilen einen Gefallen tut. In Bahnen und Bussen, bei vielen Veranstaltungen und auch andernorts in Schwimmbädern ist das offenbar gar kein Problem. Wie ein Hohn muss es dem Mann vorgekommen sein, dass man in der Sitzung über den Zuschuss von einer halben Million für den Kunstrasenplatz spricht, aber nicht mal einer Handvoll Menschen in Zierenberg, die im Alltag auf Hilfe angewiesen sind, ein paar Euros für deren Begleitpersonen erlässt. Private Konzertveranstalter zeigen sich dabei kulanter als eine Kommune. Die Haltung der Stadt ist peinlich und sollte dringend korrigiert werden.

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare