Interview: Keine Lösung für Leerstand in Melsungen

Stehen für den Melsunger Einzelhandel: Joachim Vockeroth (links) und Jürgen Gaebler. Das Fachwerk macht aus ihrer Sicht den Reiz der Einkaufsstadt aus, Immobilien lassen sich aber nur mit großem Aufwand sanieren. Foto: Rohde

Melsungen. Die Stadt scheint eine vitale, wirtschaftlich gesunde Einkaufsstadt zu sein. Aber diese Fassade bröckelt. Auch in bester Geschäftslage stehen in jüngster Zeit Läden leer. Wir sprachen darüber mit Jürgen Gaebler und Joachim Vockeroth von der Gemeinschaft des Melsunger Einzelhandels.

Haben Sie auch den Eindruck, dass immer mehr Geschäfte in der Melsunger Innenstadt leerstehen?

Vockeroth: Sicher ist es so - wie in anderen Kleinstädten auch -, dass es Leerstände gibt. Ich habe aber jetzt den Eindruck, dass es in jüngster Zeit eher weniger geworden sind.

Es sind aber auch Immobilien in besten Lagen betroffen.

Gaebler: Mein Eindruck ist, dass wir die Leerstände in guten Lagen deutlich reduzieren konnten. Wir haben einige Neuansiedlungen in der Kasseler Straße und der Brückenstraße. Darüber sind wir sehr froh. Dazwischen gibt es aber auch Immobilien, die fast nicht mehr vermietet werden können, weil sie stark sanierungsbedürftig sind.

Welche Problemfälle sind das?

Gaebler: Da sehe ich vor allem in der Kasseler Straße zwei Häuser, für die das zutrifft, und auch in der Brückenstraße gibt es eines, das in diese Kategorie gehört.

Ist also ein neues Sanierungsprogramm nötig, oder wie bekommt man die Probleme in den Griff?

Vockeroth: Ein neues Sanierungsprogramm würde die Probleme vielleicht lindern, aber nicht beseitigen, weil die baulichen Schäden einfach zu massiv sind. Die Investitionen könnten nicht wieder erwirtschaftet werden.

Heißt das, dass man solche Häuser irgendwann abreißen müsste?

Vockeroth: Darauf könnte es hinauslaufen, oder man müsste sehr viel Geld speziell für diese Objekte ausgeben.

Sind die Mieten für Geschäftsimmobilien in Melsungen zu hoch?

Gaebler: Das kann man so pauschal nicht beantworten. Die Durchschnittsmieten sind in den vergangenen zehn Jahren eher rückläufig gewesen. Es ist für den Ladenbetreiber günstiger geworden. Für den Eigentümer heißt das im Umkehrschluss, dass sich Investitionen erst auf längere Sicht rechnen. Es gibt aber auch Objekte, wo die geforderten Mieten nicht mehr erzielt werden können.

Wie hoch ist die durchschnittliche Miete für Geschäftsimmobilien?

Vockeroth: Zwischen 6,50 Euro und elf Euro.

Was kann eine Gewerbevereinigung tun, um den Leerständen entgegenzuwirken?

Vockeroth: Wir versuchen, im Stadtmarketingausschuss gemeinsam mit der Stadt Lösungen zu finden.

Wie könnten die aussehen?

Gaebler: Das City-Management könnte als Schnittstelle zwischen Eigentümern leerstehender Immobilen und Einzelhändlern fungieren, die sich ansiedeln wollen. So könnten auch Kontakte zum Bauamt und der Bauaufsicht vermittelt und Informationen über Förderprogramme weitergegeben werden.

Es gab bereits eine Informationsveranstaltung für solche Immobilien-Eigentümer. Sie war sehr schlecht besucht.

Vockeroth: Ja, das ist bedauerlich.

Ein Gesamtkonzept, wie man dem Leerstand begegnen kann, gibt es aber noch nicht?

Gaebler: Nein, ein in sich schlüssiges Konzept gibt es nicht. Es wird jeweils der Einzelfall betrachtet. Es ist aber auch schwierig, Vorgaben zu machen, die für jeden Einzelfall passen.

Wäre es hilfreich, Gebäude und Flächen zusammenzufassen, weil die Läden im Einzelfall vielleicht viel zu klein sind?

Vockeroth: Das ist richtig, viele Läden sind zu klein. Es wäre schön, wenn man Flächen zusammenfassen könnte. Das Problem ist nur, dass das niemand bezahlen kann. Die Ausgaben können nicht wieder erwirtschaftet werden.

Spielt die Denkmalpflege bei größeren Umbauten mit?

Vockeroth: Die Denkmalpflege ist inzwischen sehr zugänglich.

Wie beurteilen Sie das Sortiment in Melsungen. Gibt es Angebotslücken?

Vockeroth: Große Sortimentslücken gibt es nicht, aber man kann vielleicht einzelne Warensegmente durch zu kleine Ladenflächen nicht gut genug aufstellen.

Gaebler: Andere Lücken sind auch entstanden, weil sich das Verhalten der Verbraucher geändert hat. Bestimmte Branchen, die früher breit aufgestellt waren, werden heute nur noch über kleine Nischenanbieter abgedeckt.

Kritik wird häufig an den sehr unterschiedlichen Öffnungszeiten geübt. Woran liegt es, dass man hier nicht auf einen Nenner kommt?

Gaebler: Wir versuchen ja Kernöffnungszeiten anzubieten, also beispielsweise von 9.30 Uhr bis 13 Uhr und von 14 Uhr bis 18 Uhr. Aber da können wir an unsere Mitglieder nur appellieren. Ich verstehe, wenn da mancher Kunde nicht begeistert ist, aber das ist auch kein spezifisches Melsunger Problem.

Warum findet man keine einheitliche Linie?

Gaebler: Teilweise an unterschiedlichen Geschäftsmodellen und an unterschiedlichen Lagen. Die einen sind stärker auf Laufkundschaft angewiesen, andere werden gezielt aufgesucht.

Vockeroth: Zum Teil sind die Läden ja Inhaber geführt. Und die Leute können keine zwölf Stunden hinter der Ladentheke stehen. Es gibt kein Rezept, alle unter einen Hut zu bringen. Unser größter Wunsch ist, dass es keine Tage mehr gibt, an denen ein Geschäft beispielsweise nachmittags ganz geschlossen hat.

Was versprechen Sie sich von der Neubesetzung des City-Managements?

Gaebler: Ich hoffe auf jemanden, der von außen kommt und mit einem unbefangenen Blick die Situation analysieren kann und erkennt, wo es Handlungsbedarf gibt. Anders als wir, die wir ehrenamtlich arbeiten und im Tagesgeschäft gebunden sind, kann ein City-Manager intensiver und professioneller über strategische Fragen nachdenken und die Marke Melsungen stärken.

Quelle: HNA

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