In Klassenräumen ist Durchzug angesagt

Keine Lüfter für Schulen im Schwalm-Eder-Kreis

Fenster auf: Auch an der Gesamtschule in Melsungen werden die Klassenräume regelmäßig gelüftet. Schulleiter Dr. Matthias Bohn zeigt eine CO2-Ampel, die den Kohlenstoffdioxidgehalt der Luft im Klassenzimmer anzeigt. Die Schüler bauen solche Ampeln im Physik- und Arbeitslehreunterricht.
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Fenster auf: Auch an der Gesamtschule in Melsungen werden die Klassenräume regelmäßig gelüftet. Schulleiter Dr. Matthias Bohn zeigt eine CO2-Ampel, die den Kohlenstoffdioxidgehalt der Luft im Klassenzimmer anzeigt. Die Schüler bauen solche Ampeln im Physik- und Arbeitslehreunterricht.

Der Landkreis wird aktuell keine Lüftungsgeräte für Klassenräume anschaffen. Das teilt die Kreisverwaltung auf Nachfrage mit.

Schwalm-Eder – Für die knapp 19 000 Schülerinnen und Schüler im Landkreis bedeutet das, sie werden in Klassenräumen unterrichtet, die regelmäßig gelüftet werden.

Frische Luft und das regelmäßige Händewaschen sind laut Landkreis nach aktuellem Wissenstand immer noch der bestmögliche Infektionsschutz. Regelmäßiges Lüften wird in Schulen und auch ganz grundsätzlich empfohlen.

Die Lüftungsgeräte mit entsprechender Filtertechnik seien am Markt zurzeit für etwa 3500 Euro erhältlich. Bei 1200 Klassenräumen und weiteren 700 Funktionsräumen würden dem Landkreis Kosten von mehr als 6,5 Millionen Euro entstehen.

Der Schwalm-Eder-Kreis schließt sich außerdem der Empfehlung an, mit der von der Unfallkasse Hessen vorgeschlagenen CO2-App zu arbeiten und darüber die Zeit zum notwendigen Lüften im Auge zu behalten. Die Sorge von Eltern, Lehrern und Gewerkschaften nehme der Schwalm-Eder-Kreis ernst und sei sich seiner Verantwortung bewusst. „Es kommt aber vor allem darauf an, die richtigen und vor allem effektive Schritte in die Wege zu leiten, um auch im Schulbetrieb einen praktikablen und größtmöglichen Schutz für alle zu erreichen. Wenn jeder für sich seinen Teil dazu beiträgt, können wir mit vereinten Kräften das Coronavirus weiter eindämmen“, sagt Landrat Winfried Becker.

Der Landkreis folge mit der Regelung der Empfehlung der Fachexperten und setze den hessischen Hygieneplan um. „Gesundheit geht vor“, sagt Becker. Diesen Grundsatz verfolge der Landkreis seit Beginn der Corona-Pandemie sehr konsequent. Die einzusetzenden Mittel seien bei allen Entscheidungen einzeln abzuwägen. Das gelte auch für das Durchlüften von Klassenräumen.

Sorgen darüber, dass die Räume auskühlen könnten, entkräfte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig. Bei richtigem Lüften falle die Temperatur nicht gravierend, heißt es vom Landkreis weiter.

Fast 19 000 Schülerinnen und Schüler gibt es an den 64 kreiseigenen Schulen. Diese sind auf 70 Schulstandorte verteilt. Hinzu kommen weitere Schulen in anderer Trägerschaft wie die Ursulinenschule und die Jugenddorf-Christophorusschule.

Die überwiegende Anzahl der Zimmer können durch Öffnen der Fenster belüftet werden. Sofern die Belüftung in einzelnen Räumen schwierig ist, sind die Schulleitungen laut Kreisverwaltung aufgefordert, in Absprache mit dem Schulträger, also dem Landkreis, für geeignete Lösungen zu sorgen.

„Als Schulträger empfehlen wir, den Unterricht schulintern so zu organisieren, dass dieser in den Räumen stattfindet, in denen die Vorgaben des aktuellen Hygieneplans in Bezug auf das regelmäßige Lüften eingehalten werden können“, sagt Landrat Winfried Becker.

Die Kreisverwaltung hatte sich gegen eine Anschaffung von hunderten Lüftungsgeräten entschieden. Der Einsatz von Luftfilteranlagen könne eine falsche Sicherheit vortäuschen. Frische Luft und das Händewaschen seien der bestmögliche Infektionsschutz, heißt es dazu unter anderem von der Kreisverwaltung.

Der Einsatz von mobilen Luftreinigungsgeräten in Schulräumen, der derzeit in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert wird, wurde in der Kultusministerkonferenz erörtert. Im Ergebnis kamen die Wissenschaftler überein, dass der Einsatz solcher Geräte grundsätzlich nicht nötig sei, wo Räume über Fenster gelüftet werden können.

Der Hygieneplan 6.0 sieht zum Thema Lüften vor: Alle 20 Minuten ist eine Stoßlüftung oder Querlüftung durch geöffnete Fenster über die Dauer von drei bis fünf Minuten vorzunehmen. Eine Kipplüftung ist weitgehend wirkungslos, weil durch sie kaum Luft ausgetauscht wird. Klassenräume sind vor der Benutzung zu lüften.

Ist eine Stoßlüftung nicht möglich, muss durch längere Lüftungszeit und Öffnen von Türen ein ausreichender Luftaustausch ermöglicht werden. Bei Räumen ohne zu öffnende Fenster oder mit Klimaanlagen oder mit zu geringer Frischluftzufuhr muss die Schulleitung mit dem Kreis geeignete Lösungen finden. Zum Beispiel die zeitweise Öffnung an sich verschlossener Fenster. Absturzsicherungen dürfen aber nicht ohne eine Kompensation aufgegeben werden, heißt es im Hygieneplan. Die Kohlendioxid-Konzentrationen korreliert mit der Aerosolkonzentration in Innenräumen. Deshalb eignen sich CO2-Ampeln beim fachgerechten Lüften zur Unterstützung.

Wir haben bei einigen Schulen im Kreisteil Melsungen nachgefragt, wie dort mit dem Thema Lüften umgegangen wird.

GSS Melsungen: In der Geschwister-Scholl-Schule werden seit gestern die Fenster in allen Klassenräumen regelmäßig für mehrere Minuten stoßgelüftet. Nur im Keller gibt es ein paar Räume, die keine Fenster haben wie etwa den alten Hörsaal, der für Physikunterricht genutzt wurde. Diese Räume werden aktuell aber nicht mehr genutzt, teilt Schulleiter Dirk von Sierakowsky mit.

Er und seine 62 Lehrerkollegen geben den 341 Schülern den Hinweis, sich warme Kleidung anzuziehen. Denn auch die Pausen müssen auf dem Schulhof verbracht werden – außer es regnet. Gestern gab es noch den einen oder anderen Oberstufenschüler, der knöchelfrei unterwegs war – „da geht die Mode wohl manchmal vor“, vermutet von Sierakowsky.

GSM Melsungen: Seit vier Jahren hat die Melsunger Gesamtschule einen Neubau. Darin eingebaut: eine Lüftungsanlage, die kontinuierlich nach draußen lüftet, aber nicht durchlüftet. 20 der insgesamt 33 Klassenzimmer der Gesamtschule liegen in dem Neubau. Die übrigen 13 Klassenräume plus diverse Fachräume müssen nach dem neuen Hygieneplan durchgelüftet werden, also alle 20 Minuten durchlüften, ohne dass die Räume auskühlen.

Den Hygieneplan hat die Schulleitung um Leiter Dr. Matthias Bohn am Donnerstag an alle Schüler per E-Mail verschickt. Deshalb waren sie auf den Lüftungsplan vorbereitet. Bohn kündigte an, sicherheitshalber in den kommenden Tagen noch Durchsagen im Schulgebäude zu machen, damit sich die Schüler warm anziehen.

DBS Felsberg: Warm anziehen lautet auch das Motto an der Drei-Burgen-Schule in Felsberg: „Die Schüler sitzen schon mit Jacke im Unterricht“, berichtet Schulleiter Karl-Werner Reinbold. Man habe die Empfehlung an Schüler und Lehrer herausgegeben, sich nach dem Zwiebelprinzip zu kleiden.

Der Hausmeister habe alle Fenster mit Griffen so nachgerüstet, dass sie sich öffnen ließen – auch die Fenster, die von den Klassenräumen zu den Fluren hin zeigen. Natürlich könne man das Lüften nicht auf die Minute genau takten – aber etwa alle 20 Minuten werde für fünf Minuten quergelüftet. „Wenn möglich, lassen wir außerdem ein Fenster pro Klassenraum die ganze Zeit über geöffnet“, sagt Reinbold. Noch sei es draußen ja nicht so kalt – man müsse nun sehen, wie es funktioniere, wenn die Temperaturen sinken. (Von Damai D.Dewert, Claudia Feser und Judith Féaux de Lacroix)

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