Lehrer aus Überzeugung: Heinrich Hesse zieht als Ruheständler eine positive Bilanz

Die Kids kriegen das hin!

Fast 40 Jahre im Schuldienst: Heinrich Hesse (64), hier vor seinem Haus in Cappel, blickt auf ein langes Lehrerleben zurück. Er plädiert dafür, den Kindern mehr zuzutrauen. Foto: Lange-Michael

Fritzlar. Wenn er jetzt mit dem Fahrrad von Cappel Richtung Fritzlar fährt, macht er das ganz privat. Und wann immer er will. Denn Heinrich Hesse (64) hat den Schuldienst verlassen. Der 2. Herzinfarkt Anfang des Jahres beendete den letzten Oberstufen-Kurs „PoWi bilingual“ an der König-Heinrich-Schule (KHS), den er noch gab.

„Das Leben ohne Schule geht eigentlich besser als vermutet“, sagt er und lehnt sich im Stuhl zurück. Denn ein wenig Angst hatte er schon davor, so ganz ohne Lehrerdasein auskommen zu müssen.

Schließlich war es die vergangenen 40 Jahre das, was er tun wollte: Lehrer sein. Mehr nicht. „Es ist doch toll, einen Beruf zu haben, der einem im Kern Spaß macht“, sagt er. Jeden Morgen zur Schule zu fahren, mit jungen Leuten zu schaffen, zu kommunizieren, das war sein Ding.

Was ist mit dem Stress, den Belastungen, unter denen viele Pädagogen stöhnen? Klar habe es auch Belastendes gegeben, sagt Hesse, und die Arbeitsbedingungen hätten sich verschlechtert für Lehrer. Doch die tägliche Erfahrung hat ihm gezeigt: „Um gerne Lehrer zu sein, muss man die Kids mögen.“ Die jungen Leute ernst zu nehmen, von ihnen respektiert zu werden, das sei ein wechelseitiges Verhältnis.

Vertrauenslehrer

Er habe auch Eltern häufig geraten, ihren Kindern etwas zuzutrauen, ihnen Zeit zu geben: „Die kriegen das schon hin!“ Vielleicht war es diese Einstellung, die dazu führte, dass Heinrich Hesse über mehr als 20 Jahre als Vertrauens- oder Verbindungslehrer fungierte an der KHS, bestimmt und gewählt von der Schülerschaft und der SV.

Er war damit Ansprechpartner vor allem für Schüler, die Probleme hatten, meist mit anderen Lehrern, aber auch mal privat. „Häufig hat es gereicht, dass sie sich mal ausgekotzt haben“, sagt Hesse. Aber ab und zu musste er auch moderieren oder das Gespräch mit dem betreffenden Lehrer suchen. Wichtig für ihn sei auch die Mitarbeit im Personalrat der Schule gewesen: Dort habe man an der Schulentwicklung mitarbeiten, bei Personalentscheidungen mitreden können.

„Es ist doch toll, einen Beruf zu haben, der einem im Kern Spaß macht.

Heinrich Hesse

Die Entwicklung hin zur selbstständigen Schule mit eigenem Budget etwa vergleicht Hesse mit einem zweischneidigen Schwert: Er befürchtet, dass mit den größeren Selbstbestimmung gleichzeitig zusätzliche Aufgaben auf die Schulen verlagert werden.

Ohnehin würden die Belastungen für Pädagogen steigen: „Es fehlt der Respekt für den Beruf“, beklagt er. Für seine Schule, die KHS, hofft er, dass sie die vielen Auslandskontakte gerade über den Netzwerk-Austausch bewahren kann. „Das ist etwas Besonderes, ein echtes Juwel, diese europäischen Beziehungen zu leben“, sagt er. Hesse freut sich zudem darüber, dass die KHS auch zum Erholungsheim Nadeshda in Weißrussland weiter eine Beziehung hat und diese Einrichtung für strahlengeschädigte Kinder regelmäßig finanziell unterstützt.

„Es ist immer wichtig, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken“, sagt der 64-Jährige, der vor 30 Jahren mit seiner Familie für ein Jahr nach England umzog und dort als Lehrer arbeitete.

Arbeit als Übersetzer

Zurzeit übersetzt Hesse ein Buch des Fritzlarer Pfarrers Paulgerhard Lohmann, der über die Fritzlarer Juden forscht, ins Englische. Da ist sein Sprachvermögen gefragt. Und zuletzt er hat alte Stühle aufgearbeitet. „Das macht Spaß und ist total entspannend“, sagt er. Was noch kommt? Er lässt es auf sich zukommen.

Von Ulrike Lange-Michael

Quelle: HNA

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