Beiserhaus Rengshausen: Harald Recke berichtet von der Erziehung der Nachkriegszeit

Kinder mussten gehorchen

Hat ein offenes Ohr: Harald Recke, Direktor der Stiftung Beiserhaus, bietet allen Hilfestellung an, die ihr Leben in der Nachkriegszeit im Rengshäuser Jugendheim aufarbeiten wollen. Foto:  Brandau

Schwalm-Eder. Harald Recke ist sich sicher: Die Bedingungen in den Jugendheimen der Region waren in den 50er- und 60er-Jahren überall gleich. Ob im Waberner Karlshof, in Hephata, in der Guxhagener Breitenau oder im Rengshäuser Beiserhaus – die Kinder und Jugendlichen wurden in hartem Drill erzogen.

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„Die Erziehung entsprach dem Zeitgeist“, sagt der Direktor der Stiftung Beiserhaus. „Der forderte völlig andere Autoritätsbilder als heute. Unterordnung, Hierarchie, Gehorsamkeit standen im Mittelpunkt. Es ging nicht etwa um die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Leute, sondern um deren Anpassung.“

Es gab viel Druck

Die Geschichte der Heimkinder im Deutschland der Nachkriegszeit ist eine traurige. Jugendhilfe sei kein System der Förderung, sondern der Ausgrenzung gewesen, sagt Harald Recke. Für den Staat habe das damalige Jugendwohlfahrtsrecht ein Eingriffsrecht dargestellt: Er habe beispielsweise ohne weiteres einen verhaltensauffälligen Berliner Jugendlicher von Familie, Freunden, Umfeld trennen und in die Fremde aufs Land schicken können. Oft sei das gar auf Zuruf geschehen, nicht selten habe ein Anruf des Nachbarn beim Amt mit dem Hinweis gereicht, dass ein junger Mensch zu verwahrlosen drohe.

In jenen Jahren, sagt Recke, habe der Staat nicht gezögert einzugreifen und sogenannte Fürsorgeerziehung von Amts wegen betrieben. Und das oft ohne Fachkräfte. Die Erzieher waren meist Diakone, Handwerker, Freiwillige, von denen doch nur die wenigsten eine pädagogische Ausbildung besaßen.

Für Harald Recke ist das alles nicht neu, er hat sich während des Studiums intensiv mit dem Thema der deutschen Heimgeschichte auseinandergesetzt. Auch wenn sich bislang nur ein einziger ehemaliger Heimbewohner gemeldet hat, um sein unglückliches damaliges Leben im Beiserhaus zu thematisieren, so rechnet Recke doch mit mehr Menschen, die sich demnächst an die Stiftung wenden, um sich auf diese Art mit ihrer Biografie auseinanderzusetzen.

„Wir sind absolut aufgeschlossen allen gegenüber, die über ihre Vergangenheit reden wollen“, sagt Recke. „Wir geben gerne Hilfestellung beim Aufarbeiten des erlittenen Unrechts.“

Doch längst nicht alle ehemalige Heimbewohner, mit denen der 56-Jährige bisher über ihre Jugend in der Nachkriegszeit im Beiserhaus gesprochen hat, haben schlimme Erfahrungen gemacht. „Das Spektrum reicht von sehr positiven Erfahrungen bis zum absoluten Horror.“ Kontakt: Stiftung Beiserhaus, Tel. 0 56 85/9990 WEITERE ARTIKEL UNTEN

Quelle: HNA

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