Waberner Seniorenclub hat ungewöhnliche Ausstellung vorbereitet

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Zerstörung da, Unterhaltung dort: In Renate Wissels Erinnerungskiste kontrastieren die Fotos aus dem zerstörten Kassel der Nachkriegsjahre mit der Szene aus dem Märchen „Peterchens Mondfahrt“. Als Siebenjährige sah sie die erste Aufführung des Weihnachtsmärchens nach dem Krieg in der unzerstörten Kasseler Stadthalle – ein bis heute unvergessenes Erlebnis.

Wabern. Sie sieht unscheinbar aus, die Kiste aus Pressspan: Zwei Griffe an der Seite, ein Deckel mit Scharnieren und Verschluss. Um so größer ist die Überraschung, wenn sie geöffnet wird: Ein Panorama aus Fotos und bunten Figuren nimmt gefangen.

Renate Wissel aus Falkenberg hat das Innenleben der Kiste gestaltet. Sie war Teilnehmerin am Projekt „Erinnern und Bewahren“ des Seniorenclubs Wabern, bei dem Männer und Frauen insgesamt neun Kisten und einen Koffer gestalteten. Vom 1. bis 3. Juni werden sie im historischen Empfangsgebäude des Waberner Bahnhofs der Öffentlichkeit vorgestellt.

Das Projekt ist Teil eines europaweiten Netzwerkes, bei dem mehr als 100 ältere Menschen in sieben Ländern Geschichten aus ihrem Leben auf diese Weise erzählten und festhielten.

Bei Interesse können die Kisten als Wanderausstellung gezeigt werden.
Kontakt: Renate Wissel,
Tel. 05683/5656,
E-Mail:
wissel-wabern@t-online.de

Renate Wissel ist in ihrer Kiste selbst zu sehen, als sechsjähriges Mädchen im neuen Mantel, im Nachkriegswinter 1947 vor der Kasseler Stadthalle.

Es sind wichtige persönliche Erinnerungen an ein besonderes Erlebnis, die sie in der Kiste gestaltet hat. Erinnerungen an ihre Kindheit im zerstörten Nachkriegsdeutschland, an Bomben, den gefallenen Vater, die Not und das Leid – aber auch an das Märchen von Sumsemann, dem fünfbeinigen Maikäfer, dem Peterchen und Susanne helfen wollen, das fehlende Bein zu finden. Es war das erste Weihnachtsmärchen, das in Kassels Stadthalle nach Kriegsende aufgeführt wurde.

Renate Wissel war dabei, ihr Traum von einer Märchenwelt wurde inmitten einer zerstörten Stadt erfüllt. All das erzählt sie mit ihrer Erinnerungskiste. Persönliche Texte ergänzen die optische Wirkung.

Seniorenclub-Vorsitzende Hildegard Weiszenburger leitete das Projekt und ist vom Ergebnis begeistert. „Die Arbeit an den Kisten brachte die Senioren dazu, sich zunächst an bedeutsame Ereignisse ihres Lebens zu erinnern und dann zu entscheiden, was wirklich wichtig war“, berichtet sie. Bei der Gestaltung standen den Senioren Künstlerinnen zur Seite.

Die neun Kisten wurden gestaltet von Renate Wissel, Georg und Helga Brandau (Harle), Edith Itter (Niedermöllrich), Anneliese und Helmut Kronemann (Niedermöllrich), Ilse Lübke (Niedermöllrich), Franz Neubauer (Hebel), Emmi Schnepf (Niedermöllrich), Alfred Wenghöfer (Wabern) und ein Koffer von Michael Meinicke (Uttershausen).

• Die Ausstellung im Waberner Bahnhof wird am 1. Juni um 15 Uhr eröffnet. Die Laudation hält Angelika Trilling aus Kassel, die das europäische Projekt mit initiierte. Die Erinnerungskisten werden danach zu sehen sein bis 18 Uhr, am 2. und 3. Juni jeweils von 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Von Ulrike Lange-Michael

Quelle: HNA

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