Sterbefälle sind selten im Ziegenhainer Gefängnis

In der JVA Ziegenhain: Sterben hinter Gittern ist "Alptraum"

Auch vor Gefängnismauern macht der Tod nicht kehrt: Sterben im Knast ist für Gefangene ein Albtraum. Im Ziegenhainer Gefängnis starben in den vergangenen fünf Jahren vier Häftlinge. Das sorgte für Unruhe. Fotos: dpa/ Grede

Ziegenhain. Im Gefängnis in Ziegenhain wird selten gestorben und wenn, dann sorgt das für Unruhe.

Nicht die Angst vorm Tod, sondern das Sterben im Knast ist für die 180 Insassen der Schwalmstädter Justizvollzugsanstalt der Albtraum. Die Aussicht vielleicht nie wieder in Freiheit zu sein, lässt das Thema Tod zum Tabu werden, sagen die beiden Anstaltspfarrer Peter Kittel und Michael Kullinat: „Ein Todesfall ist hier eine Störung.“

Meist werden die Gefangenen mit dem Sterben ihrer Mithäftlinge nicht konfrontiert, sagen die Pfarrer, da schwerkranke Gefangene in der Regel in die Vollzugskrankenhäuser verlegt werden. Vier Mal in den vergangenen fünf Jahren allerdings hielt der Tod Einzug in der Haftanstalt, erinnern sich die beiden Seelsorger.

Hungerstreik und Klopfen

Da ist der schwerkranke Sicherungsverwahrte, dessen Tod vor drei Jahren hohe Wellen schlug. Es wurden sofort alle Türen verschlossen, erinnert sich Kittel an die spannungsgeladene Situation in der Anstalt, als der Mann in seiner Zelle starb. Zwei bis drei Stunden sei alles dicht gewesen, jeder in seiner Zelle. Keine Informationen. Nichts. Und am Ende stand die Nachricht über den Tod eines Mitgefangenen.

„Ein Todesfall ist hier eine Störung.“

Insassen warfen der Anstaltsleitung damals unter anderem vor, dem Mann, der unter einem schweren Leberschaden litt, den Krankenhausaufenthalt verweigert zu haben. Was so nicht stimmt, stellt Kittel klar: Der Mann habe nicht mehr in die Klinik gewollt. Ihrer Empörung machten seine Zellennachbarn mit einem Hungerstreik und nächtlichen Klopfaktionen Luft.

„Das sind ja alles Verbrecher“

Trauerarbeit in einer solchen Zwangsgemeinschaft ist eine sehr spezielle, sagt Kullinat, denn im Gefängnis herrscht eine besondere Art von Einsamkeit. Trotz der vielen Menschen ist man isoliert. Nicht Freundschaft oder Verwandtschaft, sondern eher Misstrauen prägt die Trauergemeinde. Oft bekomme man zu hören, „mit wem kann ich hier reden, das sind ja alles Verbrecher“. Die persönliche Betroffenheit sei eine andere als draußen. Eher werde reflektiert, „denn hier sterben, heißt, hier nie wieder rauskommen“, sagt Kullinat.

Die beiden Pfarrer versuchen, mit Gesprächen, aber auch mit Zeremonien, den Druck zu nehmen. So gab es nach dem Tod eines Sicherungsverwahrten - er hatte sich zum Mittagsschlaf hingelegt und war nicht mehr aufgewacht - eine spontane Aussegnungsfeier.

Die Frage „Komme ich hier wieder lebend raus?“, treibt insbesondere die 30 Häftlinge im Kornhaus um, bestätigen die beiden Pfarrer. Ein Stückchen Leben vor dem Tod scheint dort noch aussichtsloser. Denn diese Abteilung wurde für die Senioren des Ziegenhainer Gefängnisse eingerichtet. Der jüngste ist 56, der älteste 86 Jahre alt. „Wir müssen sehen, wie die Justiz hier mit dem Thema Pflege und Sterben im Gefängnis umgehen wird“, sagt Kittel.

Von Sylke Grede

Quelle: HNA

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