Körperverletzung im Knast? Ehemalige Haftkollegen trafen sich vor Gericht

Schwalmstadt. Zwei Gefangene sollen im Knast beim Tragen eines Küchentisches in Streit geraten sein. Dabei soll der Angeklagte dem Opfer einen massiven Faustschlag gegen die Brust versetzt haben. Der Fall wurde jetzt vor dem Schwalmstädter Amtsgericht verhandelt.

In dubio pro reo - im Zweifel für den Angeklagten: der Rechtsgrundsatz kam bei einer Verhandlung wegen Körperverletzung zur Anwendung und bescherte dem Angeklagte zwar einen Freispruch, aber nicht die Freiheit. Laut Staatsanwaltschaft gerieten zwei Männer im Knast beim Tragen eines Küchentisches in Streit. Dabei soll der Angeklagte dem Opfer einen massiven Faustschlag gegen die Brust versetzt haben.

Die Rollen schienen anfangs klar verteilt: Auf der einen Seite der von zwei Justizvollzugsbeamten begleitete lebenslänglich im Gefängnis in Schwalmstadt einsitzende 70-jährige Angeklagte und auf der anderen Seite ein 65 Jahre alter Mann aus Kassel, der zum Tatzeitpunkt wegen mehrmaligen Fahrens ohne Fahrerlaubnis im Ziegenhainer Gefängnis einsaß.

Täter vermutet Neid 

Dort kam es im vergangenen Jahr zu der vermeintlichen Körperverletzung. Der 70-Jährige bestätigte bis auf einen entscheidenden Punkt die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Beim Tragen eines Küchentisches durch eine schmale Tür sei es zwar zum Streit gekommen, aber er habe nicht zugeschlagen. „Da er sehr ungeschickt war, könnte er sich am Tisch gestoßen haben“, schilderte der Angeklagte den Vorfall aus seiner Sicht.

Als Motiv für die Beschuldigungen vermutete der 70-Jährige Neid. „Ich habe in der Küche so ein bisschen das Sagen und hatte zum damaligen Zeitpunkt auch schon einige Hafterleichterungen“, so der Erklärungsversuch des Häftlings, „ich denke, das machte ihn neidisch.“

Der damals behandelnde Arzt bestätigte zwar die Verletzung bei dem 65-jährigen Mann, konnte aber keine Aussage zur Ursache machen.

Mehr Licht ins Dunkel brachte die Aussage eines ehemaligen Justizvollzugsbeamten. Er stand zum Tatzeitpunkt in der Nähe der beiden Kontrahenten. „Ich habe weder etwas gesehen noch gehört, keinen Streit oder Ähnliches. Es könnte sein, dass der Tisch beim Tragen an die Brust gestoßen ist“, erinnerte sich der Beamte recht detailliert an den Vorfall und bescheinigte dem Angeklagten darüber hinaus gute Führung und Integration in den Haftalltag. Kurios der Auftritt des als Zeugen geladenen vermeintlichen Opfers: Fast schon provokant trat der Kasseler vor das Gericht und lieferte sich mit dem Staatsanwalt wiederholt Wortgefechte.

Betont langsam öffnete der ehemalige Mitgefangene am Zeugentisch einen Aktenordner und las seine Zeugenaussage Wort für Wort ab: „Er drehte sich blitzschnell um und schlug mir genau aufs Herz“, dabei sparte der Kasseler nicht mit Dramatik, bevor er zu einem versöhnlichen Ende kam. „Ich verzeihe ihm“, sagte der Zeuge abschließend. Dann packte er seine Sachen und verließ ohne das Urteil abzuwarten den Gerichtssaal und die doch etwas verdutzten Anwesenden.

„Zugunsten des Angeklagten. Nach dieser Beweisaufnahme kann ich nicht den Nachweis führen, ob die Tat begangen wurde oder nicht“, lautete das Fazit des Staatsanwalts in seinem Plädoyer nach der eher zweifelhaften Vorstellung des Zeugen aus Kassel.

Der Richter folgte dem Antrag. Der Angeklagte wurde freigesprochen und wurde anschließend zurück in die Justizvollzugsanstalt nach Ziegenhain gefahren.

Quelle: HNA

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