Schädlingsbekämpfer Wolfgang Vollmer rückt Ratten auf Wohngrundstücken zu Leibe

Sie kommen überall rein

Gute Saison für Nager: Ratten tauchen dieses Jahr vermehrt auf.

Kreisteil melsungen. Gepflegt wirkt der Garten eines Hauses in einer Melsunger Wohnsiedlung. Von Ratten keine Spur. „Doch sie sind hier“, sagt Wolfgang Vollmer und geht zielsicher auf zwei wie Steine aussehende Gebilde zu. „Das sind Rattenköder“, erklärt der Schädlingsbekämpfer und öffnet die Behälter mit einem Schlüssel.

Tatsächlich entpuppen sich die vermeintlichen Steine als Plastikattrappen. Zum Vorschein kommen zerfetzte Tüten. „Das gibt’s ja gar nicht“, meint der freundliche Mann mit weißem Vollbart: „Haben die Ratten wieder alles leergefressen!“

Gemeint sind die Giftköder, die Wolfgang Vollmer von der Schädlingsbekämpfungsfirma Hydesch aus Felsberg-Hesserode auf dem Anwesen eines Kunden ausgelegt hat. Aber warum ausgerechnet in Steinattrappen? „Die fallen den meisten Menschen nicht auf“, erklärt der 57-jährige.

Vielen ist es peinlich, wenn sie die verrufenen Nager auf ihrem Grundstück bemerken, weiß Vollmer. „Die Leute denken: Ratten – da muss es schmutzig sein.“ Dem widerspricht der Schädlingsbekämpfer energisch. „Heutzutage können Ratten durch die Kanalistion überall auftauchen.“ Daher hat er auch mit Klienten aus allen sozialen Schichten zu tun. „Ein Grund, warum ich meinen Beruf so gerne mag“, erzählt der Vater einer Tochter: „Man erlebt immer etwas Neues.“

Nach 35 Jahren in einem Berufsfeld, das früher als Kammerjäger bezeichnet wurde, kann Vollmer einiges erzählen. Beispielsweise von Restaurantküchen, in denen die Decken voller Kakerlaken hingen. Trotzdem ekelt er sich nicht. „Für mich ist das ein ganz normaler Job“, sagt er. Allein auf die Werbung auf seinem Auto muss der Hesseröder verzichten. „Wegen der Nachbarn“, erklärt Vollmer schmunzelnd.

In den zerfetzten Köderbeuteln sind Reste einer bläulich schimmernden Paste. Rattengift. „Das ist ein Blutgerinnungshemmer“, sagt der Fachmann. Erst nach zwei Tagen gehen die Ratten daran zu Grunde. „Die Nager selbst bekommt man eigentlich nie zu Gesicht“, erklärt Wolfgang Vollmer.

Denn die Ratten werden von dem Gift müde, ziehen sich in ihren Bau zurück und verbluten dort innerlich. „Die Tierchen sterben ganz schmerzlos“, ist der Rattenjäger überzeugt. Denn eigentlich mag er seine Kontrahenten mit den Nagezähnen und dem nackten Schwanz. „So eine Ratte hat doch ein wirklich hübsches Gesicht“, findet er.

Mit der heimischen Wanderratte (Rattus norvegicus) kennt sich Vollmer aus, weiß alles über ihre Lebensgewohnheiten. Denn im Gegensatz zur gemeinen Hausratte muss er sich um deren wandernde Verwandte sehr oft kümmern.

Bereits zum vierten Mal schaut Vollmer in der Melsunger Siedlung vorbei. Den vermeintlichen Stein füllt er schließlich wieder mit neuen Pastenködern auf. Immer waren alle Köder aufgefressen. Nächste Woche wird er dort wieder vorbeischauen. Solange, bis keine Köder mehr gefressen werden.

„Da muss ich noch mindestens zwei Mal hin“, glaubt Vollmer und geht mit seinem Koffer zum Auto -– ohne aufgeklebte Werbung natürlich.

Von Michael Schorn

Quelle: HNA

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