Experte für Suchterkrankungen: Konsum harter Drogen rückläufig

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Hilft Menschen aus der Abhängigkeit: Rüdiger Reise ist Oberarzt bei der Vitos-Klinik in Merxhausen und Fachmann für Suchterkrankungen.

Wolfhager Land. Der Konsum harter Drogen wie Heroin ist rückläufig, stark konsumiert werden Alkohol und Cannabis. Das sagt Rüdiger Reise von der Vitos-Klinik in Merxhausen.

Die HNA sprach mit dem Oberarzt und Experten für Suchterkrankungen über Trends und Entwicklungen im Bereich der Suchtkrankheiten.

Herr Reise, welche Art von Droge ist momentan am populärsten?

Rüdiger Reise: „Die führenden Substanzen sind Alkohol und Cannabis. Danach kommen Heroin und Benzodiazepine.“

Von Alkohol, Cannabis und Heroin haben die meisten Menschen wohl schon gehört. Wie wirken Benzodiazepine und als wie gefährlich schätzen Sie sie ein?

Reise: „Benzodiazepine wirken beruhigend auf den Konsumenten. Sie gleichen negative Stimmungen und Angstzustände aus. Sie machen gelassener und fördern den Schlaf. Häufig werden sie ambulant verschrieben. Zum Teil erwerben Patienten diese Medikamente auch auf dem Schwarzmarkt. Benzodiazepine führen bei einem Konsum von 14 Tagen und länger zu Abhängigkeitssymptomen. Somit ist die Gefahr, durch diese Medikamente abhängig zu werden, sehr groß, da auch in der gängigen Verschreibungspraxis solche Medikamente häufig länger rezeptiert werden. Mit längerer Einnahmedauer lässt die erwünschte Wirkung nach, es kommt zur deutlichen Dosissteigerung. Körperlich gefährlich wird es durch die Gefahr der Atemlähmung, besonders in Kombination mit anderen, ähnlich wirkenden Substanzen wie zum Beispiel Alkohol.“

Wie hat sich die „Drogen-Mode“ in der Vergangenheit verändert? Welche Drogen waren am gefragtesten?

Reise: „Der Trend geht eher weg von harten Drogen wie Heroin. Alkohol, Tabletten und Cannabis bleiben stabil. Die Menschen probieren vermehrt Dinge aus dem Bereich der Naturdrogen aus, wie zum Beispiel Kräutermischungen und Duftöle. Es gibt eine experimentierfreudige Szene.“

Was ist mit Missbrauch von eigentlich legalen, aber aus gutem Grund verschreibungspflichtigen Medikamenten?

Reise: „Über das Thema Benzodiazepine habe ich mich schon geäußert. Hinzu kommt, dass verschreibungspflichtige Schmerzmittel mit Opiat- oder Morphinanteilen zu missbräuchlichen Entwicklungen führen können und zum Teil zu manifesten Abhängigkeiten führen. Auch andere verschreibungspflichtige Psychopharmaka werden von suchtkranken Menschen übermäßig gebraucht und auch gehandelt.“

Wie hoch schätzen Sie den Anteil der Drogenkonsumenten an der Gesellschaft? Kann man dabei zwischen den legalen Drogen und illegalen Substanzen unterscheiden?

Reise: „Wenn man die reinen Zahlen nimmt, ist Alkohol die Massendroge. Die Zahl der Alkoholabhängigen liegt bei 3 000 000. Von Heroin oder Kokain sind insgesamt 80 000 Menschen abhängig, 800 000 von Benzodiazepinen. Die Cannabis-Abhängigen sind schwerer zu beziffern. Ich würde sie ungefähr auf 120 000 schätzen.“

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Drogenkonsum?

Reise: „Das kann man nicht eins zu eins beantworten. Wenn Leute aus einem Umfeld kommen, das einem Drogenkonsum vorlebt oder so schrecklich ist, dass Drogen als Fluchtmöglichkeit früh erkannt werden, dann besteht die Gefahr eines frühen Einstiegs in eine Abhängigkeitserkrankung.“

Von Patrick Kessler

Quelle: HNA

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