Johannes Hesse war als Kriegsgefangener in Afrika

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Foto von damals: Johannes Hesse aus Obergrenzebach geriet als junger Marinesoldat in Gefangenschaft und arbeitete bis 1948 auf einer Farm in der Nähe von Agadir.

Obergrenzebach. Zur SS wollte Johannes Hesse auf gar keinen Fall. Deshalb meldete sich der junge Niedergrenzebacher bei der Marine.

Als er zwei Tage vor Weihnachten des Jahres 1942 nach Bordeaux beordert wurde und dort das Schiff betrat, ahnte Johannes Hesse noch nicht, dass dort eine abenteuerliche Reise begann, an die sich der 88-Jährige bis heute in allen Details erinnert. Denn den Schwälmer verschlug es nach Afrika, wo er mehrere Jahre als Kriegsgefangener auf einer Farm arbeitete.

Zusammen mit 90 Männern stach der damals 19-Jährige mit einem so genannten Blockadebrecher in See. „Das Schiff sollte in Japan Naturkautschuk für die Gummiproduktion der Wehrmacht holen. Wir waren militärischer Schutz“, erklärt Hesse. Nach stürmischen Zeiten in der Biskaya wurde es in der Nähe des Äquators brenzlig. Ein Schleichschiff zwang das deutsche Schiff zum Halten. „Da wir Sprengmunition an Bord hatten, hatten wir genau sieben Minuten Zeit, um alle in die Rettungsboote zu flüchten - danach flog der Kahn in die Luft und wir wurden von Franzosen aufgefischt.“

Nach zwei Tagen unter Deck erreichten Hesse und die anderen Gefangenen den Hafen von Dakar, die Hauptstadt des Senegals. „Und französische Kolonie“, erläutert der 88-Jährige. „Dort empfingen uns Einheimische, die wenig freundliche Gesten machten. Eine bedeutete so viel wie Kopf ab.“ Mithilfe der Bahn wurden die Gefangenen nach Bamako am Niger verfrachtet - und mussten dort ein Lager errichten. „Morgens um acht konnte schon keiner mehr barfuß laufen, so heiß war es dort“, sagt Hesse.

Lager in Marrakesch

Viel gab es für die Gefangenen nicht zu tun: „Wir wurden halt ein bisschen beschäftigt. Und zu Essen gab es Reis mit Wasser oder Wasser mit Reis.“ Bei Kriegsende wurden die Gefangenen verschifft - nach Casablanca, weiter in ein großes Lager nach Marrakesch. Dort wurden die Häftlinge verteilt. „Ich habe mich für die Arbeit auf einer Apfelsinen-Farm gemeldet“, erzählt Hesse. „Wir waren zehn und haben erstmal Früchte gefuttert wie der Teufel.“

Mit dem französischen Farmer versteht sich Hesse: „Der war deutschfreundlich und hat mir bald - als er nach Frankreich musste - die Verwaltung übertragen“, sagt der 88-Jährige.

Johannes Hesse darf sogar den Führerschein machen und sich abends mit Kumpels in Agadir vergnügen. In Agadir verabschieden sich der Schwälmer und der Farmer dann 1948 auch voneinander. „Bevor du nach Hause fährst, lässt du dir noch einen ordentlichen Anzug schneidern“, gibt ihm der Franzose mit auf den Weg. Mit dem Schiff geht es nach Marseille, mit der Bahn zurück in die Heimat. „Zuhause musste ich erstmal in Quarantäne, ich hatte Malaria und die Ruhr.“

Das Veredeln der Apfelsinen hat Johannes Hesse nie vergessen. Und den Farmer auch nicht - besucht ihn mit seiner Frau insgesamt drei Mal. Zuletzt 2002. „Das war schon ein echtes Abenteuer“, sagt der 88-Jährige.

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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