Kreuz am Straßenrand erinnert ans Leben

Eine Betroffene erzählt: Ehemann starb bei Autounfall

Die Trauer bleibt: Kristin Chrapek besucht mehrmals pro Woche das Kreuz an der B 251 zwischen Oelshausen und Ehlen. Vor einem Jahr starb an dieser Stelle ihr Mann Andreas bei einem Autounfall. Foto: Thon

Oelshausen. Der 26. Oktober 2012 hat das Leben von Kristin Chrapek aus Oelshausen aus den Angeln gehoben. Ihr Mann Andreas starb bei einem Autounfall auf der B 251 kurz vor Ehlen. Seitdem ist nichts mehr, wie es war.

Es begann wie ein ganz normaler Morgen: Andreas Chrapek hatte sich mit einem Kuss von seiner Frau verabschiedet, eine halbe Tasse Kaffee am Briefkasten stehen gelassen und war wie in den zwölf Jahren zuvor auch an diesem Tag auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle in Ihringshausen. Wenige Minuten später endete sein Leben abrupt. Andreas Chrapek starb bei einem Autounfall auf der B 251 wenige hundert Meter vor Ehlen.

Ein Wildschwein hatte auf seiner Fahrbahn gelegen. Dem Gegenverkehr wollte er ausweichen, dabei prallte er gegen eine Linde am Straßenrand. Der Baum wurde gefällt. Heute steht dort ein Holzkreuz. Zwei- bis dreimal die Woche besucht Kristin Chrapek die Unfallstelle, um mit ihrem Mann Zwiesprache zu halten. Anfangs kam sie jeden Tag. „Andreas' Seele ist hier in den Himmel gegangen. An dem Kreuz bin ich ihm näher als auf dem Friedhof, wo nur sein Körper liegt.“ Was an der Stelle passiert, an der Andreas Chrapek von einer Sekunde auf die nächste aus dem Leben gerissen wurde, beschreibt die 30-jährige Witwe als ein Gespräch in Gedanken. Sie sitzt im Auto, legt die CD mit Andreas' Lieblingsmusik in das Abspielgerät und spielt ihm die Lieder laut vor.

Die Mutter zweier kleiner Kinder erlebt gute Tage und schlechte. „Wenn ich traurig bin, sitzt oft in der Nähe des Kreuzes eine Krähe. Für mich ist das ein Zeichen, dass er bei mir ist“, sagt sie.

Besonders in den ersten Wochen und Monaten war es für sie schwer, die Unfallstelle zu passieren, die nur fünf Minuten entfernt liegt von ihrem Haus und an der sie bei fast jeder Fahrt vorüberkommt. „Ich musste jedes Mal anhalten.“ Einfach vorbeizufahren, wäre ihr falsch, herzlos vorgekommen.

Eine Kerze brennt immer

Bei ihren Besuchen schmückt sie das Kreuz mit Blumen, meistens sind es Rosen. Am Muttertag wurden zwei Sträuße geklaut. Auf die Geschmacklosigkeit mancher Menschen reagiert sie heute mit einem mitleidigen Lächeln. Auch ihre Eltern und Andreas' Mutter aus Kassel halten regelmäßig am Kreuz an. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass dort immer eine Kerze brennt. Vor ein paar Wochen hat Kristin Chrapek ein Foto an dem Holz befestigt. Es zeigt die Kinder, die fünfjährige Tochter, die ganz vernarrt in ihren Vater war und die heute mit Verlustängsten zu kämpfen hat, und den elf Monate alten Sohn, der seinen Papa nie kennengelernt hat.

Seit ihr damals 30-jähriger Mann verunglückt ist, sieht Kristin Chrapek die Straßenkreuze mit anderen Augen. „Ich nehme sie viel stärker wahr. Tödliche Unfälle sind gar nicht so selten.“ Die examinierte Altenpflegerin glaubt, dass es noch einige Jahre dauern wird, ehe wieder ein Alltag einkehren wird, der weniger schmerzvoll ist. Der Blick hin zum Kreuz, wenn sie mit dem Auto an ihm vorüberfährt, der jedoch wird ein Leben lang bleiben.

Hintergrund

Auf den Straßen des Wolfhager Landes sind von 2005 bis heute 28 Menschen gestorben. Das geht aus einer Statistik der Polizei hervor. Generell geht die Zahl der Unfälle mit Todesfolge zurück. Grund dafür sind nach Angaben der Polizei die sichereren Fahrzeuge. Nachfolgend die Zahl der Menschen, die bei Unfällen starben - 2005: 2 Personen, 2006: 6 Personen, 2007: 2 Personen, 2008: 1 Person, 2009: 3 Personen, 2010: niemand, 2011: drei Personen, 2012: sieben Personen, 2013: vier Personen. (ant)

Von Antje Thon

Quelle: HNA

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