Flammenmeer an einer Brücke

75 Jahre Kriegsende: Ostern 1945 marschierten die Amerikaner in den Kreis Melsungen ein

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Eine der Sehenswürdigkeiten Melsungens: Die 1595/96 unter Landgraf Moritz errichtete Bartenwetzerbrücke in Melsungen. Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner sprengten Soldaten der Wehrmacht vor 75 Jahren den mittleren Teil der Sandsteinbögen. 

An den Ostertagen vor 75 Jahren endete im Melsunger Land der Zweite Weltkrieg. Amerikanische Soldaten marschierten ein. Die Menschen hatten Angst, erinnern sich Zeitzeugen.

Die Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges waren Ostern 1945 (30. März bis 3. April) zu Ende. Dem praktischen Arzt Dr. Heinrich Sostmann (1892 – 1978) ist es zu verdanken, dass die Kreisstadt Melsungen genau heute vor 75 Jahren ohne Kampfhandlungen an die Amerikaner übergeben wurde. Trotzdem starben damals in Melsungen nach den Überlieferungen etwa 15 Melsunger und deutsche Soldaten – siehe weiteren Bericht.

Der Kreisdeputierte und Heimatchronist Julius Müller hat festgehalten, wie die Amerikaner den Landkreis Melsungen besetzten. In der 1950 erschienen Ausgabe des Handbuchs des Kreises Melsungen schreibt Müller: „Als am Gründonnerstag, 29. März, die Mitteilung kam, dass Bad Wildungen besetzt sei, da wussten die Kreisbewohner, dass auch für sie die Schicksalsstunde geschlagen hatte.“ Nach Angaben Müllers wurde Niedermöllrich an der Grenze zwischen den Kreisen Fritzlar und Melsungen schnell zu einem Stützpunkt ausgebaut. Die 1881 erbaute Ederbrücke wurde gesprengt. Doch auch das konnte die Amerikaner nicht aufhalten. Die schweren Kampfhandlungen beschreibt der stellvertretende Landrat Müller so: „Durch den Widerstand unserer Truppen lag das Dorf fast 48 Stunden unter Feindbeschuss. Ein Flammenmeer hüllte das Dorf bald ein. Rettung war nicht möglich.“

Mitten im feindlichen Feuer versuchten die Bewohner zu helfen und zu retten, schildert Müller. Nach den Kampfhandlungen sei Niedermöllrich ein Trümmerhaufen gewesen: „Sieben Wohnhäuser, 19 Scheunen und 17 Stallungen waren total vernichtet. Die noch stehenden Gebäude hatten teilweise erhebliche Schäden erlitten.“ Der 1914 geborene Adam Huhn verbrannte auf dem väterlichen Anwesen, vier Niedermöllricher wurden schwer verletzt, berichtet der Chronist. In breiter Front, so hat er festgehalten, hatten die amerikanischen Truppen am Karfreitag das Edertal erreicht. Am späten Nachmittag hatten sie die Linie Melgershausen-Heßlar-Beuern-Hilgershausen-Dagobertshausen-Wichte eingenommen.

Blutvergießen musste verhindert werden

Durch seinen mutigen Einsatz habe Dr. Heinrich Sostmann seine Heimatstadt Melsungen vor größerem Schaden bewahrt und eine Eskalation vermieden. Das sagte Melsungens Bürgermeister Markus Boucsein vor fünf Jahren, als er auf dem alten Friedhof einen Kranz auf dem Grab Sostmanns niederlegte. Das Wehrkommando Kassel hatte dem Oberstabsarzt als ranghöchstem Offizier Melsungens und Chef der Lazarette mit mehr als 700 Verwundeten 1945 befohlen, die Stadt mit Hilfe der verletzten Soldaten zu verteidigen. Dem hat sich Dr. Sostmann widersetzt. Später hat er festgehalten: „Blutvergießen und Brand mussten unter allen Umständen vermieden werden. 

Dr. Heinrich Sostmann

Der Bürgermeister und alle Parteigrößen hatten sich in Richtung Kirchhof abgesetzt. Ich allein hatte die Verantwortung.“ Sostmanns Tochter Bärbel Appell genau: „Da in den Lazaretten im Krankenhaus, im Lutherhaus, im Alten Kasino, in der Landwirtschaftsschule und im ehemaligen Gymnasium mehr als 700 verletzte Soldaten versorgt werden mussten, konnte mein Vater die Stadt nicht verlassen. Er schickte seinen Assistenzarzt Dr. Nell, den Sanitäts-Unteroffizier Günther Matthaei und den Auslandskaufmann Hermann Schaefer als Dolmetscher mit unserem privaten Opel P 4 mit weißer Fahne den Amerikanern entgegen – etwa dorthin, wo heute die Sostmann-Hütte steht.“ Matthaei hat festgehalten, dass am Gründonnerstag ein 22-jähriger SS-Offizier „sehr herrisch“ Melsungen zu einer Stadt erklärte, die verteidigt werden müsse. 

Drei Bücken hat die SS dann vor dem Einmarsch der Amerikaner gesprengt. Matthaei: „Völlig sinnlos. Wir waren empört.“ Bei den Verhandlungen mit den Amerikanern bei Melgershausen baten die drei Männer nun um den Schutz der Lazarette. Die wurden dann von den Amerikanern gut mit Medikamenten, Verbandsmaterial und Lebensmitteln versorgt, hat der Unteroffizier festgehalten. Sostmann schrieb, er habe seine Lazarett-Tätigkeit ungestört fortsetzen können. Der Arzt hatte kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner großes Glück. Ehrenbürgermeister Dr. Ehrhart Appell: „Ein SS-Kommando war zurückgekommen und hatte nach Dr. Sostmann gesucht.“ Ihm drohte die Erschießung. Der Architekt Berthold Schweitzer hatte Sostmann rechtzeitig gewarnt, der Arzt versteckte sich.

Amerikaner schossen auf Menschen

„Etwa 15 Tote, vor allem Soldaten, werden von städtischen Arbeitern aufgefunden und am Ostersonntag beerdigt, zum Teil auf der Heilstätte, weil die Brücken zerstört sind.“ So steht es in Jürgen Schmidts Buch „Die Geschichte einer Stadt”. Die Amerikaner sollen damals auf Menschen geschossen haben, die deutsche Uniformen trugen oder auf Befehl nicht stehen geblieben sind. Im ersten Befehl des US-Kommandanten heißt es Ostern 1945: „Alle Waffen sind bis halb elf Uhr abzugeben. Wer dann noch im Besitz von Waffen angetroffen wird, wird erschossen. Für jeden von der Bevölkerung erschossenen Soldaten werden zehn Melsunger Bürger erschossen.” Der Kreisdeputierte Julius Müller schreibt 1950: „Die Bevölkerung lieferte die Waffen ab.”

Flucht in den Keller neben der Kirche

„Wir haben damals alle furchtbare Angst, aber auch großes Glück gehabt, dass keine Schüsse auf Menschen fielen, als die Amerikaner nach Felsberg kamen.“ Fritz Schäffer (86) ist auch heute noch sehr dankbar dafür, den Krieg überlebt zu haben, wie er der HNA gegenüber erzählt. Als die Amerikaner in Felsberg einmarschierten, suchten Mitbürger unter anderem Schutz im Keller zwischen Pfarrhaus und Nikolaikirche. Nahe der Sankt-Jakobs-Kapelle hatte Schäffer zuvor noch zugeschaut, als man einen Leiterwagen quer auf die Lohrer Straße stellte. Die Wehrmacht hob noch einen Graben aus, um die Amerikaner aufzuhalten, erinnert sich der Zeitzeuge. Schäffer, dessen Vater 1942 in Russland gefallen war, packte daheim mit Mutter und Schwestern Brot, Wurst und Kissen „und ein paar Habseligkeiten“ auf einen Handwagen. 

Fritz Schäffer: Zeitzeuge aus Felsberg

Man wollte in Richtung Böddiger flüchten. An der roten Backstein-Schule habe ein deutscher Soldat gesagt: „Wir schießen nicht, und die Amerikaner schießen auch nicht mehr, macht Euch wieder heim.“ In Felsberg, so Schäffer, gab es keine Gegenwehr, als die Amerikaner von Rhünda aus zunächst in Richtung Felsburg schossen: „Nach einer Stunde war der Spuk vorbei.” Als die Amerikaner durch Felsberg rollten, hingen an fast allen Häusern weiße und teilweise auch rote Fahnen. Der Küster Hellwig Hasper hatte die weiße Fahne am Kirchturm und auf der Felsburg gehisst, weiß Fritz Schäffer. Auf der alten Ederbrücke, die Anfang der 1970er-Jahre abgerissen wurde, sollten Leiterwagen, Eggen und Ackerpflüge die US-Truppen aufhalten, erzählt Heinz Leimbach. Felsberger Bürger und Landwirte hatten das Gerät auf die Eder geschafft. Doch dieser Widerstand war sinnlos: Die Panzer fuhren neben der Brücke durch die Eder, berichtet Leimbach. Auf Leimbachs Hof an der Lohrer Straße hatten sich Teile der US-Truppe einquartiert und sich mit Naturalien vom Hof versorgt. Heinz Leimbach: „Der Kommandant sprach Deutsch und sagte: Eier immer gut.“

Sie suchten Schutz im Stollen

„Der erste Schock war kurz vor Ostern, dass Pioniere der Wehrmacht vier große Löcher in die höchsten zwei Sandsteinbögen der Bartenwetzerbrücke gruben.“ Das hat Karl-Hermann Gille festgehalten, er war damals neun Jahre alt. Gille berichtete seinem Vater, Teilnehmer des Ersten Weltkrieges, von den Löchern. Der Vater sagte, dass die Amerikaner kommen „und uns befreien werden“. Dies wollten die Soldaten auf Befehl verhindern, deshalb, so Gille, wurden alle Brücken gesprengt: „Da mir das leidtat, überlegte ich, wie ich das Stromkabel vom städtischen E-Werk zu den Sprenggruben beschädigen könnte. Mir fiel aber nichts ein.“ Als die Amerikaner auf Melsungen zu kamen, verließen laut Gille alle Bewohner der Vorstadt ihre Wohnungen und begaben sich in einen von Insassen des KZ Breitenau gegrabenen Stollen im heutigen Fliedergraben. 

Karl-Hermann Gille

Seine Patentante (80) musste wegen eines Oberschenkelhalsbruchs im Haus in der Vorstadt bleiben. Gille, seine Eltern und der dreijährige Bruder hatten nur einen Handwagen, Bettzeug und einige Habseligkeiten dabei. Karl-Hermann Gille erinnert sich noch gut daran, wie das Hauptgebäude der Firma Braun und der Lagerraum der Firma Strecker lichterloh brannten und er erneut bedroht wurde, als er nach seiner Tante sah: „Ich hatte Angst. Die ersten Befreier hatten auch viel Angst und schossen auf alles, was sich bewegte. Ich hatte Glück.“ Als sich die Lage beruhigt hatte, kamen auf der Straße US-Soldaten auf die Kinder zu, schildert Gille: „Sie waren sehr gut zu uns, schenkten uns Schokolade, Kaugummi und andere Dinge.“ Gilles Vater kümmerte sich um die Bestattung eines getöteten deutschen Soldaten. Gille macht deutlich, wie sinnlos das Sprengen der Brücke war: Mit großen Stahlträgern und Platten überdeckten die Amerikaner sehr schnell die zerstörten Bögen und fuhren über die Fulda. Die Panzer überquerten den Fluss über die unbeschädigte Bahnbrücke bei Obermelsungen. Die Bartenwetzerbrücke wurde im Sommer 1945 eingerüstet und behelfsmäßig repariert. „Von Ostern bis Herbst hatten wir keine Schule.“

Quelle: HNA

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