In der Krise ohne Miese

Kultur vor Ort: Finanzkabarett in der Hospitalskapelle

Als Steuerfahnder unterwegs: Chin Meyer schlüpfte in die Rolle des Finanzbeamten Siegmund von Treiber. Foto: Rose

Treysa. Von Berufswegen jagt Siegmund von Treiber Steuerhinterzieher. Doch im Mann mit der hohen Stirn und der monströsen Brille schlummern noch ganz andere Talente: Treiber sorgt sich um den kleinen Mann.

Deshalb lädt er seine potenziellen Klienten zu konspirativen Informationsabenden ein. Licht ins Dunkel der fiskalischen Zusammenhänge brachte der Kabarettist am Freitagabend in der Hospitalskapelle – auf Einladung von Kultur vor Ort.

Zu erleben war Meyer in seinem Programm „Der Jubel rollt“. Gönnerhaft wandelte der 53-Jährige auf Pfaden, die dem braven Bürger suspekt sind. Den Gästen rieb er verhasste wie auch Angst einflößende Formulare unters Näschen: „Das ist ihre Selbstanzeige, die ich beim letzten Mal leider nicht zustellen konnte.“ Überall wo er auftauche, spüre er eine Welle des Neides: „Der Anzug, diese Frisur – die Leute denken, der Typ hats geschafft“, persiflierte er.

Doch Siegmund von Treiber quälen Sorgen. Die Absurditäten morbider Kollegen verarbeitet er deshalb im Tagebuch. So bot sich ihm unlängst im Zimmer 436 ein grausamer Anblick. „Völlig mit Moos bewachsene Beamten – sie hatten dort geduldig auf ihre Beförderung gewartet.“ Überhaupt mache er sich Sorgen um das Image des Finanzamtes. „Als Osama Bin Laden seine Schläfer aufweckte, was meinen Sie, was da bei uns los war.“ Schon der Name der Behörde müsse moderner klingen: „Wie etwa Agentur für Arbeit.“ Er schlage „Cash Agency“ vor. Die Steuererklärung werde kurzerhand zum Science-Fiction-Document. Richtig Kohle verdiene der Staat daran sowieso nicht, eher an der Tabaksteuer. Bedenklich seien jedoch die Nichtraucher mit ihrer „ekelhaft moralischen Überlegenheit“. In Wahrheit seien Raucher „hochmotivierte Staatssponsoren“, die letzte Kippe das so genannte Restguthaben. „Passivraucher also Steuerhinterzieher.“

Doch nicht nur die Finanzkrise erschütterte das deutsche Wertesystem: „Zuerst nimmt Schavan den Hut, am nächsten Tag der Papst. Gibt es da Parallelen? Hat der womöglich auch abgeschrieben?“ Und zum Pferdefleisch-Skandal philosophierte Meyer: „Es ist kein Wunder, wenn wir nur das Billigste kaufen wollen. Da müssen wir über kurz oder lang auf den Hund kommen – Rollmops mal authentisch.“

Anderes Thema: Er habe jüngst von einem Klienten einen Brief erhalten, der fragte, ob seine Frau eine außergewöhnliche Belastung darstelle und ob er sie absetzen können. „Wenn ja, an welcher Raststätte.“ Beim Stichwort Belastungen fallen dem Steuerfahnder die Stromversorger ein: „Bei denen hätte ich gern eine Razzia gemacht. Aber mein Chef untersagte das. Man dürfe nicht die einzige Koalition zerstören, die noch funktioniert.“ Auch für die Banken hat sich Treiber was Schlaues überlegt: „Die Mitarbeiter durch Computer ersetzen. Wenn der Computer Unsinn baut, hängt er sich ganz von allein auf.“ Nach drei Zugaben gab es eine klare Ansage: „Ihr Geld ist abgelaufen.“

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare