Verschärfte Situation: Hochlandpraxis wirbt um junge Mediziner

Gilserberg. Diese Woche hat das Bundesgesundheitsministerium einen Brief aus Gilserberg erhalten. Darin schildert die Gemeinde dem Minister Philipp Rösler (FDP) ihre "verschärfte Situation" bei der landärztlichen Versorung und fordert ihn auf, bessere Bedingungen für die Mediziner zu schaffen.

Dabei ist die Hochlandpraxis, wo die letzten beiden Gilserberger Hausärzte praktizieren, kreisweiter Vorreiter in Sachen Nachwuchsgewinnung.

55 Jahre ist der durchschnittliche Hausarzt im Schwalm-Eder-Kreis. Weil sich das Sterben der Landarzt-Praxen somit nicht erst seit gestern abzeichnet, betreiben Dr. Joachim Klug und sein Praxiskollege Nils Wagner-Praus seit zwei Jahren Therapie in eigener Sache.

Über Dr. Klug, der auch Medizinstudenten an der Universität Marburg lehrt, entstand eine Kooperation mit der Hochschule. Als einzige im Schwalm-Eder-Kreis ist die Hochlandpraxis zugelassen, Studenten im praktischen Jahr an Beruf und Alltag des Landarztes heranzuführen.

Medizinstudentin Barbara Lips (24) ist gerade dabei, diese Erfahrungen in Gilserberg zu sammeln. Obwohl sie die Wahl hatte, entschied sie sich bewusst dafür, einen Teil ihres praktischen Jahres auf dem Land zu absolvieren.

"Man muss sich gut überlegen, ob man die wirtschaftliche Verantwortung für eine eigene Praxis auf sich nehmen will. Die meisten meiner Mitstudenten schreckt auch das Dorfleben ab", beschreibt Lips das Meinungsbild unter angehenden Medizinern. Sie selbst sieht es anders. Der Beruf des Allgemeinmediziners sei insbesondere auf dem Land eine Herausforderung. Ob sie sich dieser irgendwann stellen wird, das weiß sie noch nicht.

Die beiden Ärzte der Hochlandpraxis können gut verstehen, warum der Nachwuchs nur schwer für ihren Job zu begeistern ist: Die Arbeitsbelastung auch außerhalb der regulären Arbeitszeiten sei hoch, das finanzielle Risiko und der bürokratische Aufwand gigantisch und die öffentliche Anerkennung des Berufs mangelhaft. "Die Zeiten des Halbgottes in Weiß sind vorbei", sagt Dr. Klug. Deshalb müsse an all diesen Stellen von der Politik nachgebessert werden.

Ihr eigener Beitrag gegen das Sterben der Landarztpraxen scheint erfolgreich gewesen zu sein. Einer der Studenten, die in der Hochlandpraxis praktische Erfahrungen gesammelt haben, hat Interesse, Dr. Joachim Klug zu beerben, wenn der 61-Jährige in den nächsten Jahren sein Stethoskop ablegt. "Ich bin mit meinen Patienten zum Teil seit Jahrzehnten verwurzelt. Klar wäre ich froh, wenn ich sie irgendwann in vertrauensvolle Hände geben könnte", sagt Dr. Klug. (bal)

Quelle: HNA

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