Es fehlen vor allem Mediziner, die Großtiere betreuen

Landkreis steuert auf Tierärzte-Mangel zu

+
Kleintiere im Fokus: Fachtierarzt Stefan Augsburg ist entgegen dem Trend von der Stadt aufs Land gezogen. Das ist selten. In der Wolfhager Gemeinschaftspraxis gehören jetzt Ultraschalluntersuchungen des Herzens, wie hier bei Hund Spot, zu seinen Tätigkeiten. Mit im Bild Tierarzthelferin Justine Götte.

Wolfhager Land. Auf dem Land fehlen Tierärzte. „Viele der Praxisinhaber stehen kurz vor dem Ruhestand und finden keinen Nachfolger. Wir steuern auf einen Tierärztemangel analog zu den Problemen in der Humanmedizin zu“, sagt die Pressesprecherin des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte, Astrid Behr.

Das bestätigt Stefanie Wittich vom Kreisbauernverband. „Es gibt im Landkreis Kassel vor allem zu wenig Ärzte, die auch Nutztiere behandeln.“ Viele Landwirte hätten Tierärzte, die von weiter weg kämen. Dies verursache zum einen höhere Kosten, da Anfahrtspauschalen anfallen, zum anderen sei ein Tierarzt im Notfall nicht schnell genug vor Ort. Waren es früher vor allem Männer, die den Knochenjob im ländlichen Raum erledigten, so sei der Tierarztnachwuchs inzwischen weiblich, sagt die Sprecherin der Tierärzte. „Der Frauenanteil bei den Tiermedizinstudenten liegt bei über 80 Prozent. Viele Männer könnten beim Numerus clausus nicht mithalten. Die Tierärztinnen wollten aber familienfreundliche Jobs als Angestellte und nicht das Risiko einer eigenen Praxis tragen. Und wenn, dann würden Katzen statt Kühe bevorzugt.

Dieses Bild zeigt sich auch im Wolfhager Land. Lediglich ein Tierarzt in sechs Kommunen des Altkreises behandelt noch Kuh und Schwein. Alle anderen Großtiere werden von Tierärzten aus dem Kreis Waldeck-Frankenberg oder dem Nachbar-Bundesland Nordrhein-Westfalen betreut.

Eine positive Entwicklung gibt es bei der Gesamtzahl der Tierärzte: Gab es bis vor Kurzem nur drei Tierärzte im Altkreis Wolfhagen, so praktiziert seit dem neuen Jahr ein weiterer Tierarzt in Wolfhagen. Auch er ist allerdings auf Kleintiere spezialisiert.

"Familie und die Versorgung von Nutztieren unter einen Hut zu bringen ist schwierig."

 Die Schwarzbunte hat vor Kurzem gekalbt. Seit ein paar Tagen frisst sie schlecht, ist eingefallen und gibt nur wenig Milch. Der Landwirt macht sich Sorgen. Dr. Monika Reinhold schlüpft in ihren Schutzoverall und zieht die Gummistiefel an. Ein seltener Einsatz im Kuhstall für die Volkmarser Tierärztin. Seit die Kinder da sind, kann sie die Betreuung der Nutztiere selbst kaum noch stemmen. „Dabei behandele ich gerne Kühe. Ich habe sogar meine Doktorarbeit über Kälber geschrieben“, erzählt Reinhold. „Doch das mit der Familie unter einen Hut zu bringen ist sehr schwierig.“ Routiniert untersucht sie die Kuh mit einem langen Handschuh rektal. Am Abend müsse das Tier eine Infusion erhalten, erklärt sie dem Besitzer. Nach einer Trächtigkeitsuntersuchung bei einer weiteren Kuh macht sich die Tierärztin wieder auf den Weg in die Praxis– um Kleintiere zu behandeln. 

Das sei inzwischen ihre Haupttätigkeit, weil sie das besser mit Kind organisieren könne. Um trotzdem Kühe, Schweine und Pferde auch im benachbarten Wolfhager Land umfassend versorgen zu können, beschäftigt sie inzwischen drei angestellte Tierärzte. Außerdem hilft auch ihr Vater aus, von dem sie die Praxis übernommen hat. Der neue Wolfhager Tierarzt Stefan Augsburg, der seit Jahresanfang mit seiner Frau Dr. Kerstin Augsburg in einer gemeinsamen Praxis arbeitet, hat sich auf Hund, Katze und Co. spezialisiert. Im städtischen Umfeld Hamburg, von wo er komme, spielten Nutztiere kaum eine Rolle. „Ich habe eine vierjährige Weiterbildung zum Fachtierarzt für Kleintiere an der Hochschule Hannover absolviert“, so Augsburg. Der Tierarztberuf sei im Wandel. Früher habe ein Tierarzt vom Kanarienvogel bis zur Kuh alles behandelt, heute gebe es, wie auch in der Humanmedizin, zunehmende Spezialisierungen mit Praxisschwerpunkten. Daraus ergäben sich für die Patienten vielfältigere diagnostische und therapeutische Möglichkeiten und Verbesserungen für die vierbeinigen Patienten. Als Fachtierarzt könne er nun in Wolfhagen unter anderem orthopädische Operationstechniken und Diagnostik wie Herzultraschall anbieten. Die Liebe hat den 56-jährigen Mediziner von der Stadt in den ländlichen Raum geführt. Die Arbeit mache ihm hier viel mehr Spaß, weil die Klientel die besonderen Angebote zu schätzen wisse.

Hintergrund

Das Bundesministerium für Landwirtschaft hatte vor einigen Jahren eine Studie in Auftrag gegeben, in der vor einem Nachwuchsmangel in der Nutztiermedizin gewarnt wird. Laut dem Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt) spiegelt die Erhebung die aktuelle Situation. Danach sind die Tierärzte, die Nutztiere betreuen, im Durchschnitt 51 Jahre, während das Durchschnittsalter ihrer Kollegen bei 39 Jahren liegt. Allerdings hat sich auch die Struktur in der Landwirtschaft geändert. Der einzelne Betrieb ist zwar größer, die Gesamtzahl der Betriebe ging jedoch zurück. „Wir behandeln viel mehr Kleintiere als früher“, sagt Tierärztin Dr. Monika Reinhold. 

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare