Von der RAF entführt

Landshut-Entführung 1977: Ex-Co-Pilot zu Gast an Theodor-Heuss-Schule

+
In Sicherheit: Der damalige „Landshut“-Co-Pilot Jürgen Vietor (Mitte) mit einigen der befreiten Geiseln. 

Homberg. Fünf Tage hat der heute 75-Jährige mit Entführern in der Lufthansa-Maschine "Landshut" verbracht. Mit Schülern der Homberger Theodor-Heuss-Schule sprach er über seine Erlebnisse.

Es fällt Jürgen Vietor nicht schwer, mit den Schülern der THS über „die Dicke“, „den Jungen“ und „die Kleine“ zu sprechen. Und auch bei Mahmud, dem Mann, der Vietor zweimal die Pistole an den Kopf gehalten hat, fehlen dem 75-Jährigen nicht die Worte: „Als Terrorist war der gut. Eins mit Sternchen!“ 

Entführung bis heute nicht vergessen

Dass Vietor die vier palästinensischen Terroristen bis heute nicht vergessen hat, ist kaum verwunderlich. Fünf Tage hat er als Co-Pilot der vor 40 Jahren entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ mit ihnen verbracht. Fünf Tage, von denen jeder der letzte des damals 35-Jährigen hätte sein können.

Für den gebürtigen Kasseler kein Grund, das Erlebte unnötig herumzuschleppen: „Ich bin der größte Verdränger vor dem Herrn“, sagt Vietor zu den Abiturienten, die sich über das intakte Seelenleben Vietors wundern. Schließlich hatte die Geiselnahme seinem Kollegen Jürgen Schumann das Leben gekostet. 

„Ich habe so getan, als hätte es die Entführung nie gegeben“, berichtet Vietor. So habe er zum Beispiel nur zwei Wochen nach dem Terrorakt das Tapetenaussuchen mit seiner Frau nachgeholt, das eigentlich für den 17. Oktober, den Tag vor der Befreiung, geplant war. Und etwa zwei Monate nach den Ereignissen stieg Jürgen Vietor wieder in die „Landshut“ – und flog die reparierte Maschine regulär bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1999.

Es ist wichtig, zu erzählen

Zwar meidet Jürgen Vietor bis heute Talkshows, trotzdem sei es ihm wichtig, „den jungen Leuten etwas zu erzählen, das sie sonst nur aus Filmen kennen“. Und wenn Vietor erzählt, dann herrscht alles andere als Vortrags-Atmosphäre: Über die 104 Überstunden, die ihm die Lufthansa einen Monat nach der Entführung angerechnet hatte, kann Vietor heute lachen. 

Talkshows meidet er, Schülern erzählt er gerne von seinen Erlebnissen: Jürgen Vietor (Mitte), der 1977 die entführte Maschine „Landshut“ gesteuert hat, war am Montag in der Homberger Theodor-Heuss-Schule zu Gast und diskutierte mit Abiturienten. 

„So ist das in dem Laden“, sagt er. Auch an das Essen, das die Geiselnehmer den Entführten in Dubai servierten, erinnert sich Vietor gut: „Es gab Hähnchen mit Mayonnaise. Bei 60 Grad im Flugzeug war das natürlich wunderbar.“ Nach Essen sei an Bord allerdings niemandem zumute gewesen, so Vietor. „Wenn man nicht auf Toilette gehen kann, will man auch nicht essen“, erinnert sich der 75-Jährige an die menschenunwürdigen Bedingungen an Bord. 

Schlaflose Nächte habe ihm der Terrorakt nie bereitet, so Vietor, der während seiner Urlaubsreisen noch immer gerne ins Cockpit linst. So einfach sei das heute aber nicht mehr: „Früher hieß es noch: Easy going on the Boeing“, berichtet Vietor – Gelächter im Saal.

Seine Wut aber, vor allem über die Entscheidung der Justiz, den ehemaligen RAF-Terroristen Christian Klar 2008 nach nur 26 Jahren Haft freizulassen, hat Vietor bis heute nicht abgelegt. Aus Protest und um zu zeigen, dass es „nicht nur Täter, sondern auch Opfer gibt“, habe er sein Bundesverdienstkreuz damals freiwillig zurückgegeben.

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.