Selbstbewusst gegen die eigene Chefin

"Es ist Zeit für einen Neuanfang ohne dich!" Vellmarer Abgeordneter attackiert SPD-Chefin Nahles

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Noch am Wahlabend postete Ulloth auf Facebook seine deutlichen Worte in Richtung der SPD-Parteivorsitzenden und Fraktionschefin Andrea Nahles.

Der nordhessische SPD-Landtagsabgeordnete Oliver Ulloth attackiert seine Parteichefin Andrea Nahles auf Facebook scharf.

Ulloth sitzt für für die Hofgeismar und Wolfhagen sowie Espenau und Fuldatal im Landkreis Kassel im Landtag. An Zurückhaltung mangelt es dem Neuling nicht. Kaum fünf Monate im Landtag, sparte Oliver Ulloth am Sonntag nicht mit deutlichen Worten in Richtung seiner Parteivorsitzenden. 

„Du hast uns die Hessenwahl gekostet! Jetzt hast du uns die Europawahl gekostet! Das war‘s jetzt“, schreibt er im sozialen Netzwerk Facebook an SPD-Chefin Andrea Nahles, garniert mit einem zornigen Emoji. Jetzt sei es Zeit für einen Neuanfang, meint Ulloth, aber „OHNE DICH“ – in Großbuchstaben.

Selbstbewusstes Auftreten ist nicht neu bei Ulloth. Als vor einigen Wochen Kritik daran aufkam, dass bei Informationsabenden zur Windkraft im Reinhardswald die Öffentlichkeit und damit auch Bürgerinitiativen ausgeschlossen wurden, lud der 35-Jährige aus Vellmar Planer und Gegner auf ein gemeinsames Podium ein, mit sich selbst in der Rolle des Moderators. Als klar war, dass beide Seiten keine Vertreter schicken konnten oder wollten, machte Ulloth aus seiner Enttäuschung keinen Hehl.

Drei Tage pro Woche in Wiesbaden 

Im Wiesbadener Landtag hatte er zu diesem Zeitpunkt schon seinen Platz gefunden, auch wenn der Start etwas holprig war. Schließlich war er am Anfang dort nur Gast. Zwischen der Landtagswahl im Oktober und der konstituierenden Sitzungen Mitte Januar gab es für Ulloth in Wiesbaden kein Büro und generell keinen richtigen Ort zum Arbeiten. Erst im Februar sei er so richtig arbeitsfähig gewesen. Und zu tun gab es genug. „Bei einem Neuen werden von allen Seiten Themen platziert, die müssen nach und nach abgearbeitet werden“, sagt er. Dass sich nicht jede Aufgabe noch am selben Tag lösen lasse, habe er erst lernen müssen: „Man muss akzeptieren, dass der Akku irgendwann auch mal leer ist.“

Neben seinen Aufgaben aus dem Wahlkreis hat der SPD-Mann in verschiedenen Gremien des Landtages seinen Platz gefunden. Im Petitionsausschuss tritt er als Obmann seiner Fraktion in „große Fußstapfen“ von Ernst-Ewald Roth. Dort wird sich Ulloth noch in dieser Legislaturperiode mit einem neuen Petitionsgesetz beschäftigen. „Da wünsche ich mir, dass wir mit der ganzen Regierung zusammen arbeiten und es kein parteipolitisches Geplänkel gibt“, sagt Ulloth, der parallel auch im Innenausschuss und im Unterausschuss für Justizvollzug sitzt. Innerhalb seiner Fraktion ist er für die Bereiche Sport und Ehrenamt sowie Asyl und Aufenthaltsrecht zuständig.

Gearbeitet wird bislang im Schnitt drei Tage in Wiesbaden. Um dort hinzukommen, nutze er meist „von der Haustür bis zum Landtag“ den öffentlichen Nahverkehr – auch weil er der Fahrzeit arbeiten könne. Ansonsten reise er im Wahlkreis umher und versuche dort, ein offenes Ohr für die Menschen zu haben. „Ich bin ja nicht Vertreter Wiesbadens hier, sondern umgekehrt“, sagt er.

Seine wichtigste helfende Hand sitzt im alten Landratsamt an der Hofgeismarer Bahnhofstraße. Der Zierenberger Dr. Thomas Beneke leitet das Wahlkreisbüro und kennt sich im Alltag eines Landtagskandidaten aus. Er hat schon für Ulloths Vorgänger Brigitte Hofmeyer und Rolf Karwecki gearbeitet. „Er weiß da einfach wahnsinnig viel und ist mir eine Riesenhilfe“, sagt Ulloth.

Mit seiner Abneigung gegen Nahles steht er derweil nicht alleine da. Laut einer Spiegel-Online-Umfrage wünschen sich mehr als zwei Drittel der Parteimitglieder den Rücktritt. So deutlich wie Ulloth sagen es nur wenige.

Oliver Ulloth (35) wurde in Kassel geboren und wuchs in Vellmar auf. Weil die Firma, bei der sein Vater angestellt war, in die Insolvenz ging, entschied er sich gegen einen Beruf als Jurist. Gemeinsam mit seinem Vater machte er sich selbstständig. Seit 2005 ist er SPD-Mitglied, seit 2006 Stadtverordneter in Vellmar und seit 2011 Mitglied im Kreistag. Ulloth ist verheiratet und hat einen Sohn.

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