Leben in der Warteschleife

HNA-Reportage: Ein Nachmittag am Flüchtlingscamp auf dem Knüll

Zwischenstation auf dem Knüll: Abeduleaziz (25, dritter von links) und Nire (20, rechts) treffen in Schwarzenborn viele hilfsbereite Menschen. Die beiden Äthiopier sind froh, in Deutschland zu sein. Fotos: Grede

Schwarzenborn. Mehr als 400 junge Männer sind in der Zeltstadt in Schwarzenborn untergebracht. Wir machten uns vor der Erstaufnahmeeinrichtung ein Bild, sprachen mit Helfern und Flüchtlingen.

Abeduleaziz stellt eine gute Frage: „Wann kommt der Winter“, will der 25-Jährige wissen. Seit anderthalb Wochen ist der Äthiopier in der Schwarzenborner Flüchtlingszeltstadt. Sonne, Wolken, Wind und herbstliche Temperaturen - noch ist das Wetter gar nicht so schlecht in fast 600 Höhenmetern auf dem Knüllplateau.

Am Camp auf dem Standortübungsplatz Wilsberg herrscht reges Treiben. An den Bauzäunen, die das Zeltlager abriegeln, flattert Wäsche. Hinter einem Zelt schneidet ein junger Mann einem anderen die Haare. Direkt neben ihnen, an einem Zaunpfosten, baumelt ein Paar Kinderschuhe.

Mit einem VW-Bus rollt das DRK-Schrecksbach mit vier Helfern an. Zum zweiten Mal verteilen sie Kuchen in der Zeltstadt, erzählt der 2. Vorsitzende des Schrecksbacher Roten Kreuzes, Heinz Möller. Aus dem Fahrzeug laden die Schrecksbacher 30 Kuchen und 50 Liter Tee. Organisiert hat die Kuchenspenden, gebacken von vielen Schrecksbachern, Bereitschaftsleiterin Heike Stutz. Regelmäßig geht sie als ehrenamtliche Helferin in der Zeltstadt ein und aus. Per Email habe das DRK Freiwillige gesucht, erzählt sie. Seitdem ist sie wie viele andere zur Stelle, sortiert Kleider, übernimmt Fahrdienste zu Fachärzten, erledigt Einkäufe, hilft dem Sanitätsdienst. Keiner der Männer in der Zeltstadt sei über 40, ist ihr Eindruck. Viele sprechen Englisch, aber bei weitem nicht alle.

Im Zeltlager reihen sich derweil junge Männer in zwei Schlangen ein. An einem Container wird Kleidung ausgeteilt, in einem großen Unterstand außerhalb der Zeltstadt gibt es Winterschuhe. Immer nur kleine Gruppen lassen die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes dorthin. „Damit es keinen Streit um die Schuhe gibt“, meint Erika Schneider. Die Hauptschwendaerin ist häufig in der Zeltstadt. Bringt Kleidung, schaut, wo sie helfen kann. Ruhig und friedlich ginge es zu, so ihr Empfinden. Von Dankbarkeit erzählt sie. Das Schlimmste sei die Untätigkeit, ist Erika Schneider überzeugt. Sie denke darüber nach, Malkurse anzubieten. Gegen die Langeweile.

Lautes Rufen tönt von einer einer Wiese gegenüber der Zeltstadt. Flüchtlinge haben dort ein Fußballturnier organisiert. Ein junger Eritreer sitzt am Spielfeldrand auf einem Stein, schaut zu, tippt in sein Smartphone. Über den Sudan, Libyen und das Mittelmeer sei er nach Italien gekommen, sagt er und berichtet in gebrochenem Englisch von Begegnungen mit Kämpfern des Islamischen Staats in Libyen. Ins Detail möchte er nicht gehen, froh sei er, endlich in Deutschland zu sein. Seine Schwester lebe in Marburg. Während des Gesprächs kommen schnell andere dazu. Da ist Nire. „Hallo, wie geht es?“, ruft der junge Äthiopier schon von weitem auf Deutsch. Das habe er in Frankfurt gelernt, sagt er stolz.

Die Stimmung sei nicht schlecht in der Zeltstadt, sagen die beiden. Zum Abschied wollen sie wissen, was der Unterschied zwischen „Auf Wiedersehen“ und „Tschüss“ sei.

Archiv-Video

Quelle: HNA

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