Ortsgruppenleiter rekrutierte Schüler – 69-Jähriger wurde barfuß durch die Stadt gejagt

Sie lebten Tür an Tür

Heimat: Am Kirchplatz in Treysa lebten jüdische Familien. Heute erinnern dort Stolpersteine an deren ermordete Familienmitglieder. Foto: Grede

Schwalm. In Treysa begann das Pogrom am 9. November vormittags, nachdem Tags zuvor einige Fensterscheiben eingeschmissen worden waren. Der Ortsgruppenleiter rekrutierte in der Stadtschule neben der Stadtkirche 40 bis 50 Schuljungen im Alter von acht bis 14 Jahren, unterwies sie kurz und ermunterte sie, auf das Haus Schwalm Am Angel 11 zeigend: „Na, Jungens, ich will mal sehen, wer von euch am besten werfen kann. Werft mal dort in die Fenster!“

Anschließend ging es in die Braugasse zu Simon Matthias. Mit einer Stange wurden die Fenster und die Türfüllung eingestoßen. Die Horde zerstörte die Wohnungseinrichtung. Vergeblich war das Flehen von Frau Matthias, ihr Mann habe doch im Ersten Weltkrieg für Deutschland ein Auge verloren. Nächste Station war das Geschäft von Joseph Abraham am Marktplatz, wo inzwischen auch Schüler der Oberschule und Erwachsene eingetroffen waren. Man warf Ballen von Tuch und Läuferstoffen aus dem Geschäft und riss Säcke mit Daunen und Bettfedern auf.

Nächstes Ziel war die Synagoge am Neuen Weg. Ein Zeitzeuge erinnerte sich: „Dort lag eine Gebetsrolle vor der Tür, Jugendliche machten sich in der Synagoge zu schaffen und aus einem oberen Fenster der Wohnung des Lehrers Plaut warf ein älterer Treysaer Einwohner Würste heraus.“ Die komplette Einrichtung der Synagoge und der Wohnung Plaut wurden zerstört und auf die Straße geworfen. Von der Synagoge war es nicht weit bis zum Baustoff- und Eisenwarengeschäft von Abraham Katzenstein II. in der Wagnergasse 22 (heute Seniorenzentrum Hephata). Auch hier wurden die Schaufenster eingeschlagen und die Warenbestände heraus gerissen.

Abends brachen mehrere Männer in das Haus von Johanna und Levi Levi (Friedrich-Ebert-Str./Ecke Wiegelsweg) ein, zwangen den 69-jährigen Mann, barfuß und im Schlafanzug, unter Misshandlungen mit ihnen zu kommen und mehrmals von der Eisenbahnbrücke in die Schwalm zu springen.

In Neukirchen war der Ablauf ähnlich. Auch hier wurde die Synagoge geschändet, die jüdischen Wohnungen verwüstet und geplündert. Julius Bachrach verteidigte sein Haus am Marktplatz gegenüber der Kirche zunächst durch Werfen von Brennholzscheiten, floh dann aber in den Wald und weiter nach Darmstadt zu seinem christlichen Schwager. Auch andere jüdische Männer flohen in den Wald, wurden aber nach ihrer Rückkehr am anderen Morgen verhaftet und wie so viele tausende andere jüdische Männer nach dem Pogrom in das KZ Buchenwald verbracht. Die Synagogen in Neukirchen und Treysa dienten im Kriege dann als Quartier für französische Kriegsgefangene in Arbeitskommandos.

Die frühen Pogrome in Nordhessen dienten also als Modell für den anschließend zentral von oben befohlenen und organisierten „Volkszorn“. Gleich wie man sie deutet, sie markieren einen traurigen und ekelhaften Tiefpunkt in der deutschen Geschichte: eine „Explosion von Sadismus“ gegen eine hilflose und ohne Hilfe gelassene Minderheit.

Von Bernd Lindenthal

Quelle: HNA

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