Ziegenzuchtverein besteht seit 105 Jahren

Leihziegen zum Jubiläum

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Historisches Kurt Köbberling testet die alte Zentrifuge aus, die zur Ausstellung aufgebaut wurde. Fotos: Becker

Niedervorschütz. Alte Ziegen haben zähes Fleisch. Dieses Sprichwort ist wie auf den Ziegenzuchtverein Niedervorschütz zugeschnitten. Seit 105 Jahren existiert nun dort ein solcher Verein und trotzt allen Widrigkeiten. Nun feierten sie am Wochenende ihr Jubiläum - mit geliehenen Ziegen.

An sich ist ein Ziegenzuchtverein nichts Außergewöhnliches auf dem Dorf. Doch schaut man sich die Vita an, fällt eines besonders ins Auge: Seit vielen Jahren werden dort keine Ziegen mehr gehalten. Ein Ziegenzuchtverein ohne Ziegen? Das hätten sich die 30 Mitglieder auch anders vorgestellt. Der Verein sei der Inbegriff der Ziegenzucht in Nordhessen gewesen. Früher gab es weit über 100 Ziegen im Dorf. Das war zu einer Zeit, als der Verein sehr erfolgreich war. Er hatte wahrlich eine Blütezeit.

Auszeichnungen zieren die Wände des heutigen Vereinshauses und erinnern neben einer dort ausgestellten Zentrifuge sowie einem Buterfaß noch heute an die glanzvollen Jahre. Es sei schwierig gewesen, die Ziegen zu den zahlreichen Ausstellungen bis München oder Frankfurt zu transportieren, berichtete der Vorsitzende Fritz Walter. Mit dem Zug seien sie gemeinsam mit den Tieren zu den Veranstaltungen gefahren. Um eine gute Zucht über Jahre hinweg aufzuziehen, mussten neue Böcke her. Für diese wurde sogar 1953 ein eigenes Domizil errichtet.

Den Grund für den starken Rückgang der Ziegen, vermutet Fritz Walter, sei die Industralisierung: „Immer weniger Menschen wollen Ziegen halten und die Ställe werden zu Garagen umfunktioniert“, kritisiert der Ziegenliebhaber. Auch seien die Felder nicht mehr in dem Maße bewirtschaftet, wie es damals der Fall war. Sodass auch die Versorgung der Tiere nicht mehr gesichert sei.

Dabei seien Ziege wundervolle Wesen, die sich nur nach guter Haltung und Vertrauen zu ihrem Besitzer sehnen: „Ist die Verbindung zwischen Tier und Mensch erst einmal da, gibt die Ziege sehr viel zurück“, erklärte Walter. Beispielsweise qualitative Milch, aus der Pudding und Butter gewonnen werden können. Gerne erinnert sich der Vorsitzende an seine Schulzeit: „Was hatten wir doch für einen Spaß nach dem Unterricht, als wir die Ziegen hüteten“, erinnert er sich.

Der Verein will sich trotz fehlender Ziegen weiterhin von seiner besten Seite zeigen und am örtlichen Vereinsleben teilhaben. Auf dörflichen Festen oder auf Jahrhundertfeiern von umliegenden Dörfern seien sie immer noch mit Ziegengespann und Handwagen ein besonderer Blickfang und auch sehr beliebt. Die Tiere müssen aus gegebenen Umständen dafür allerdings geliehen werden. „Aus Traditionsbewusstsein wollen wir aber trotzdem bestehen bleiben - schließlich sind wir der älteste Verein im Dorf“, sagte Fritz Walter: „Wir sind sehr wichtig für Niedervorschütz“, fügte er hinzu.

Ob der Verein in Zukunft wieder Ziegen halten wird und an die alten Zeiten anknüpfen kann, sei fraglich. Aber eines ist sicher: Sie wollen weiterhin bestehen bleiben - auch ohne eigene Ziegen. Von Lars Becker

Quelle: HNA

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