Lernen, anders zu denken

Willkommen: Die Direktoren Barbara Eschen (links), Peter Göbel Braun und Klaus Dieter Horchem begrüßten Prof. Dr. Anne-Dore Stein, Susanne Krahe und Elke Markmann (von rechts). Foto: Rose

Schwalmstadt - 140 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kirche, Diakonie, Vereinen und Gesellschaft kamen am Freitag zum Jahresempfang der Hephata Diakonie nach Treysa. Verbunden mit der Einladung wurde das Jahresmotto vorgestellt: „MitMenschen aktiv - unbehindert leben“.

Die Festrednerinnen Prof. Dr. Anne-Dore Stein und Susanne Krahe beleuchteten das Thema aus heilpädagogischer und aus theologischer Sicht.

Hephata-Direktorin Barbara Eschen begrüßte die Gäste und erklärte: „Menschen sind wie sie sind, jeder auf seine Weise - und je nachdem, wie wir miteinander umgehen, behindern wir uns gegenseitig oder nicht.“ Behinderungen könnten handfest auftreten, fänden aber auch in Köpfen und Herzen statt. „Was können wir tun, damit Menschen möglichst ungehindert am gesellschaftlichen Leben teilhaben?“, fragte Eschen.

Dieser Frage spürte Stein nach: Sie ist Dozentin an der Evangelischen Hochschule Darmstadt und war maßgeblich an der Entwicklung des Studiengangs „Inclusive Education“ - als Integrative Heilpädagogik - beteiligt. Seit 2002 bereitet sie Studenten darauf vor, wie man inkludierende (einbeziehende) Bedingungen in gesellschaftlichen Bereichen schaffen kann. „Wir müssen lernen, anders zu denken“, sagte Stein.

Institutionen wie Hephata hätten auch eine gesellschaftliche Funktion. Sie seien es gewesen, die den gesellschaftlichen Ausschluss praktiziert hätten. „Sie sind Mitverursacher des gesellschaftlichen Problems.“ Durch den Ausschluss aus dem Gemeinwesen seien Menschen mit Behinderungen unsichtbar gemacht worden. „Wir müssen jede Anstrengung unternehmen, die Verantwortung an das Gemeinwesen zurück zu geben - Institutionen müssen auch im Kopf überwunden werden.“

Wünschenswert sei eine volle Teilhabe an der Gesellschaft - dabei sei gesellschaftspolitisches Engagement gefragt. Inklusion fange in den Köpfen an: „Rezepte gibt es nicht. Aber wir müssen hinschauen - nicht formal, sondern inhaltlich“, verdeutlichte die Wissenschaftlerin. Über Heilungsgeschichten, die verletzten, sprach die Theologin und Schriftstellerin Susanne Krahe zusammen mit ihrer Assistentin, der Pastorin Elke Markmann. Krahe ist seit ihrem 30. Lebensjahr blind. „Biblische Heilungswunder sind aus der Perspektive von Nichtbehinderten verfasst. Sie klingen mitleidig und verächtlich“, erklärte Krahe.

Man werde als Mensch auf seine Defizite reduziert. Problematisch sei auch, dass der Fokus allein auf der Heilungsgeschichte liege. „Echte Lebensgeschichten haben Vor- und Nachgeschichten.“ Ob man mit oder ohne Behinderung überhaupt unbehindert leben könne, dazu bezog die Theologin klar Stellung: „Ich habe noch keinen Menschen kennen gelernt, der unbehindert lebt. Keiner hat keine Behinderung, keine Sorgen, keine Ängste. Oftmals wird man als behinderter Mensch zudem verhindert.“

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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