Taro vom Zirkus Moreno muss nicht zur Schule, sie kommt zu ihm

Lernen im Kleinbus

In der Schule und doch mitten im Zirkusgeschehen: Chiara-Marie Berger und Taro Sperlich freuen sich, wenn Lehrerin Heidrun Börner mit der mobilen Schule angerollt kommt. Foto:  zhf

Oberelsungen. Deutsch, Mathematik, Erdkunde. Wenn Taro Sperlich nicht gerade die Clownsnase trägt und als Maximus in der Manege des Zirkus Moreno seine Ponys präsentiert, dann muss auch er Hausaufgaben machen. So, wie alle Kinder seines Alters. Der Weg zur Schule aber bleibt dem Zehnjährigen erspart, denn die Schule kommt zu ihm.

Etwa dreimal pro Woche parkt Heidrun Börner ihren weißen Kleinbus zwischen den kunterbunten Zirkuswagen. „Schule für Kinder beruflich Reisender“ steht darauf in großen Buchstaben geschrieben, und Schule ist auch drin. An Bord hat die Pädagogin einen vollwertig ausgestatteten Klassenraum, in dem sie bis zu sieben Kinder gleichzeitig unterrichten kann.

Acht rollende Schulen dieser Art schickt der evangelische Verein für Innere Mission in Nassau im Auftrag des Kultusministeriums seit vergangenem Jahr auf die hessischen Straßen, Börner betreut zusammen mit einer Kollegin die Schaustellerkinder im Großraum Kassel-Eschwege-Bad Hersfeld. „Unser Ziel ist, die Bildungssituation der Kinder zu verbessern“, sagt die Lehrerin. Wenige Jugendliche hätten in der Vergangenheit überhaupt einen Hauptschulabschluss erreicht, höhere Bildungsabschlüsse seien nur durch den Besuch eines Internats möglich gewesen.

Gezielte Einzelschulung

Das soll sich nun ändern, der mobilen Schule sei Dank. Der auf die regulären Lehrpläne abgestimmte Unterricht berücksichtigt in besonderem Maße Leistungsstand und Lebensbedingungen jedes einzelnen Kindes. Deutsch und Mathematik stehen ebenso auf dem Stundenplan wie die erste Fremdsprache.

Und wie an jeder anderen Schule auch, wird in den mobilen Klassenzimmern gesungen und gemalt. Hier wie dort gibt es Zeugnisse und die Chance auf einen anerkannten Schulabschluss. Dass nicht jeden Tag unterrichtet wird, rechtfertigt Börner mit einer gezielten Einzelschulung. „Der Kontakt ist sehr intensiv, auch zu den Eltern.“ Die zu beraten, in Bezug auf schulische und berufliche Möglichkeiten etwa, gehöre ebenfalls zum Konzept.

So macht auch Taro Schule wieder Spaß, denn er muss sich nicht mehr permanent auf neue Mitschüler einstellen. Gemeinsam mit Schaustellerkind Chiara-Marie Berger, die Lehrerin Börner aus Kassel mitgebracht hat, sitzt er im mit kunterbunten Bildern ausgestatteten Schulwagen und nimmt den Unterricht ernst.

Er weiß, dass die Schule wichtig ist, schließlich will er später einmal hauptberuflich im Zirkus seiner Eltern arbeiten, und dazu gehört mehr als zu jonglieren und die Clownsnase aufzusetzen. Das macht er am Nachmittag im großen Zelt auf dem Oberelsunger Festplatz wieder, wenn er Deutsch, Mathematik, Erdkunde hinter sich gebracht hat und die rollende Schule unterwegs zum nächsten Zirkus ist.

Quelle: HNA

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