Veranstaltung hinterließ einen bleibenden Eindruck

Eine ungewöhnliche Lesung: Harry Rowohlt war 2004 in Treysa

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Bier, Paddy‘s Whisky, Zigarette in der Hand: Harry Rowohlt bei seiner Lesung 2004 im Gasthaus Specht in Treysa.

Schwalmstadt. Es war wirklich keine Lesung wie andere: Im Februar 2004 war der am Montag verstorbene Harry Rowohlt zu Gast im „Specht" in der Treysaer Steingasse.

Und alle, die dabei waren, haben noch heute einen tiefen Eindruck von dieser Begegnung.

Martin Bick

So erzählt der ehemalige Wirt des Gasthauses, Martin „Specht“ Bick, dass es zweifellos einer der gelungensten Abende von allen in seiner fast 20-jährigen Laufbahn dort gewesen ist, „von mindestens 40 Veranstaltungen eine der allerbesten“. Martin Bick hat Rowohlt als „absoluten Ausnahmetypen“ abgespeichert, „er war sich seiner Bekanntheit sehr bewusst: In einem Ort, den er nicht kannte, kannte man ihn - und dabei war Rowohlt völlig geerdet“. Ein ganz unvergleichlicher Abend sei das damals gewesen, viele Stunden bis spät in die Nacht habe Rowohlt erzählt, Anekdoten von sich gegeben, getrunken, weniger gelesen. „Die zweite Flasche Whisky hat er aber nicht ganz geschafft“, weiß Martin Bick noch.

Bick hatte die Vorgabe gehabt, eine bestimmte irische Sorte vorzuhalten, „Paddy‘s“, die ließ der Intellektuelle auch im Publikum kreisen. Rowohlt hielt weitaus vitaler durch als die meisten Zuhörer, die nach Stunden aufgaben. Bick: „Viele konnten einfach nicht mehr - die Köpfe qualmten.“ Niemand, der nicht total beeindruckt bis verdutzt von dem Erlebten war.

So hat das auch die Journalistin Lena Reseck in Erinnerung, die damals für die HNA berichtete: „Eigentlich wollte ich mich ganz normal in die Kneipe setzen und der Lesung lauschen, um darüber zu schreiben, aber der Wirt des Treysaer Gasthauses (Specht) fing mich gleich an der Tür ab und führte mich damals ungebeten in Rowohlts Schlafkammer unterm Dach, genauer ins Badezimmer, in dem ich dann auch etwas ratlos stand, während Rowohlt (mit freiem Oberkörper) gerade die Klospülung betätigte, sich Deo unter die Achseln sprühte und anschließend Zähne putzte. Er rief aber, ich solle ruhig dabeibleiben.“ Man habe sich dann über belangloses Zeug unterhalten, „irgendwann nahm er dann seinen Stoffbeutel mit Büchern und wir gingen runter zur Lesung.“ Die habe wahrhaftig bis gegen 2 Uhr gedauert.

Trotzdem duschte Rowohlt am nächsten Morgen um 6 Uhr laut singend, weiß Martin Bick noch. Jeder der 110 Gäste des Abends werde wohl lebhafte Erinnerungen haben. Lena Reseck beendete damals ihre Besprechung so: „Die Leute haben mit ihm einen köstlichen Abend verbracht. Er hat mit ihnen das Fest gefeiert - und ein bisschen auch sich selbst.“

Quelle: HNA

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