Lieber Kunst als Leerstand: Standortberater Behrens im Interview

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Ein Magnet: Das Sand-Center in Melsungen zieht Kunden an. Nach dem Knochen-Prinzip müsste auf der anderen Seite der 1a-Lage ebenfalls ein Anziehungspunkt sein.

Melsungen. Der demografische Wandel bedroht auch unseren Einzelhandel. Tausende Menschen werden in den kommenden Jahren im Schwalm-Eder-Kreis verschwinden und mit ihnen auch Kaufkraft. Für Melsungen ist ein Rückgang von 17 Prozent prognostiziert.

Damit würde die Einwohnerzahl zurückgehen von 13.300 auf 11.080. Diplom-Geograf und Stadtentwickler Oliver Behrend referierte am Montag in Melsungen zum Thema. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Behrens, hat der demografische Wandel auch gute Seiten?

Behrens: Wenige. Wir werden älter und ältere Menschen sind standorttreuer und haben eine hohe Kaufkraft.

Noch.

Behrens: Genau. Wie die Situation in 20 Jahren ist, lässt sich schlecht voraussagen. Die Altersarmut nimmt allerdings zu.

Sie haben sich die fünf Mittelzentren im Landkreis angeschaut. Wo haben Sie am liebsten eingekauft?

Behrens: Mir haben Melsungen und Fritzlar sehr gut gefallen. Unter touristischen Aspekten ist auch Homberg hübsch. Nach Einzelhandelsaspekten liegt aber Melsungen vorn.

Was zeichnet Melsungen aus?

Behrens: Das Sand-Center ist architektonisch passend und sehr zentral. Es gibt Magnetgeschäfte in der 1a-Lage und Melsungen ist baulich sehr ansprechend.

Das trifft auch auf Fritzlar zu.

Behrens: Das Domstadtcenter liegt allerdings abseits und der Neubau an der Stadthalle ist leider durch die Bundesstraße abgetrennt. Ansonsten ein guter Mix und optisch top. Ein Ausreißer nach unten ist allerdings das McGeiz.

Das gibt es auch in der Melsunger Innenstadt.

Behrens: Dort liegt es etwas unauffälliger. Solche Geschäfte gehören nicht in Top-Lagen.

Was ist mit den anderen Mittelzentren?

Behrens: In Homberg fällt der Leerstand ins Auge. Trotz der schönen Baustruktur wertet das eine Einkaufslage stark ab. Schwalmstadt leidet unter den zwei vorhandenen Innenstädten und Borken erfüllt zwar formal die Funktion eines Mittelzentrums, aber liefert kein adäquates Angebot.

Dort entsteht derzeit ein Fachmarktzentrum.

Behrens: Aber an der falschen Stelle. Es lenkt die Einkaufsströme von der Bahnhofstraße um und kann so dort für Probleme im oberen Bereich sorgen.

Welche Lösungen gibt es gegen den Leerstand?

Behrens: Erstmal muss man ihn optisch auch kurzfristig auffangen. Zum Beispiel mit ansprechenden Schaufensterdekorationen, Kunstausstellungen von Schulen oder anderen Hinguckern. Darum muss sich die Händlerschaft kümmern oder ein Citymanagement.

Und was ist mit Unternehmensansiedlungen?

Behrens: Das wird immer schwieriger. Firmen mit interessanten Konzepten zieht es in Großstädte wie Kassel und der mittelständische Einzelhandel bricht immer mehr weg. Den Handel selbst und die Kundenpflege müssen dann schon die Händler selbst besorgen.

Kann sich denn der lokale Einzelhandel der starken Online-Konkurrenz überhaupt erwehren?

Behrens: Bedingt ja. Die Händler müssen sich besser vermarkten. Im Internet nicht nur präsentieren, sondern auch verkaufen. Mit einem gut gemachten gemeinsamen Internetauftritt bekommt man neue Kunden, hält bestehende und wirbt für die Stadt.

Welches sind die konkurrierenden Branchen?

Behrens: Das sind natürlich Bücher, dann Schuhe, Elektroartikel und Mode allgemein.

Von Damai D. Dewert

Quelle: HNA

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